Ingo und die wilden Straßenläufer

„Wenn der Schutzmann kommt, habt ihr zwei Möglichkeiten. Entweder: Ihr sagt zu ihm,
dass Veranstaltungen auf öffentlichem Verkehrsgrund gemäß Versammlungsgesetz und Grundgesetz grundsätzlich genehmigsfrei sind, wenn sich weniger als 500 Personen versammeln und das überörtliche Straßennetz nicht beansprucht wird. Oder: ihr greift in eure rechte Hosentasche, und zeigt ihm einfach das hier…“ (Ingo formt mit seiner Hand ein Neulexem).

Die letzten Worte gehen unter im johlenden Jubel, Klatschen und massenhaft in die Höhe gereckter Mittelfinger.

Wir stehen mit Ingo am Boui Boui Bilk in Düsseldorf vor einem kleinen Truck. Rund 300 bunte Läuferinnen und Läufer haben sich in dem Schlauch vor der Bühne versammelt, in die sich sein Lastwagen verwandelt hat. Letzte Instruktionen, wo und wie es heute Abend an 19:00 Uhr läuft: Gesund starten und auch gesund ankommen. Langsames Tempo. Zusammenbleiben, auch Auge in Auge mit roter Ampeln oder eben den Schutzmännern. Heute zählt nicht die Zielzeit, sondern rein der Spaß und das Gefühl von Freiheit.

Stop Raceism
Ingo Engelhardt hat sich die ganze Sache ausgedacht. Seine letzte Idee war der StrongmanRun. Zu Beginn hatte der auch nur einige hundert Teilnehmer, mittlerweile sind es 60.000 in ganz Europa. Doch er weiß auch: „Als Läufer kannst Du auch cool sein. Es gibt Möglichkeiten, dabei nicht wie der letzte Horst auszusehen“. Und cool, das kann er wirklich. Zum Beispiel mit der außergewöhnlich fixen „Rad Race“ Serie („Stop Racism. Stop Raceism.“) und hier und heute der Run Happy Tour.

Die Strecke wird uns aus Bilk hinaus und hinein in den Medienhafen führen, entlang des Rathausufers und durch die Altstadt. Weiter durch die U-Bahn Unterführung der Heinrich-Heine-Alee, im Schwung die Kö streifend entlang des Kö-Bogens zurück in den Sonnenuntergang. Zu Füßen des Landtags und zu Fuß durch das Stadttor nach ziemlich genau 11 Kilometern back to Bilk. Ausgetüftelt von der lokalen Supporter-Crew, den Rheinpark Runners. Anerkennend klopfe ich irgendwo in der Altstadt einem von ihnen auf die Schulter: Ich möchte bitte sofort nach Düsseldorf umziehen, und jeden Tag auf diese Weise beschließen.

(R)unplugged
Und das geht so: Einfach im riesigen Pulk loslaufen. Wo ein einziger Läufer auf der Straße verloren und verletzlich wirkt, sieht das bei einer bunten Phalanx schon ganz anders aus. Ein bisschen so wie bei Critical Mass, diesen wilden Fahrrad-Konvois beispielsweise in Wuppertal, die mit diesen Aktionen auf die Bedürfnisse von Fahrradfahrern aufmerksam machen. Wichtig dabei ist Spontanität. Veranstalter? Strecke? Ziel? Mein Name ist Hase, wir haben uns gerade eben getroffen (stimmt) und laufen zufällig in die gleiche Richtung (stimmt). Ohne Startnummern, ohne Zeitnahme, und es ist reiner Zufall, dass hier und da weisse Kreidepfeile auf dem Boden strahlen oder blaue Zettel am Baumstamm kleben. (R)unplugged. Wirklich wahr, Herr Wachtmeister.

Ruckzuck kommen die Autos zum Stillstand, wenn sie sich inmitten einer farbenfrohen Stampede wiederfinden. Der Stop dauert nur kurz, um so länger dürfte dafür die Erinnerung überdauern. Vereinzelt werden wir klatschend aus offenen Autofenstern angefeuert.

Schutzmänner haben wir persönlich jetzt zwar keine getroffen. Am Rathausufer rollte uns langsam ein Polizei-Passat entgegen, aus dem wir interessiert heraus einige Meter observiert wurden. Vermutlich eine erste Läufer- und Lageanalyse. Vergebliche Liebesmüh, denn das Gefährdungspotential durch glückliche Läufer ist gleich Null.

Kein Alarm für Cobra 11
Wenig weiter am Landtag stand er dann und wartete mit eingeschaltem Blaulicht auf uns. Wir werteten das als gutes Zeichen, als „keep on running“, und gaben Szenenapplaus angesichts einer solch liberal-athletischen Wohlwollens der Exekutiven. Vielleicht auch nicht von ungefähr, schließlich lief die Polizeipräsidentin höchst persönlich erst letztens in Solingen beim Klingenlauf mit, doch das ist eine andere Geschichte.

Wo wir also leichtfüßig durch die Straßen tappern, entfaltet sich eine fantastische Stimmung. Das hier ist keine Wettkamptstrecke, wo wir angestrengt im Korridor und Kampf mit und selbst gegen die Uhr hämmern. Das hier ist auch nicht die gleichermaßen schöne wie öde Hausrunde. Sondern eine Explosion für die Sinne. Andauernd ändert sich unsere Situation. Gerade noch waren wir auf dem Bürgersteig, dann ging es im Pulk über die Kreuzung. Über Treppen und die Steine der Randbefestigung unter den Brücken.

Exodus
Ab und zu lösen sich Teilnehmer aus dem Feld, um auf Mauern und andere Vorsprünge zu klettern, das Bild in sich und / oder das Smartphone aufzusagen. Die Blicke und Reaktionen der Passanten sind unbezahlbar. Auch sie schauen begeistert, zücken rasch ihre Telefone, knipsen Fotos. Ganz Abgebrühte suchen das Besondere, stellen sich mal martialisch, mal spielerisch, mal stoisch in den Weg, wollen umwogt werden von den Massen, das Läufermeer teilen wie Mose. Auffällig gemeinsam auch: Unsere Staubwolke biblischen Ausmaßes auf dem knochentrockenden Grund der Platanenallee der Rheinuferpromenade.

Nur sind wir anders als die damals durch die Wüste geleiteten Sklaven frei – auch wenn hier wirklich viele lange Bärte zu sehen sind. Die Gemeinsamkeit von Pentateuch und Düsseldorf liegt wahrscheinlich mindestens in der Genesis. Weniger Britpop oder den Toten Hosen, sondern der Schöpfung, Entstehung, Geburt. Der Botschaft „Run Happy“. Selten war das bei einem Lauf so gut spürbar und weithin sichtbar. Und selten war Laufen ein bisschen so Religion, mindestens aber Gemeinde.

Hinweg übers Herrengedeck
In der strahlenden Abendsonne, die sich langsam Richtung Rhein senkte, dursteten wir nach der Runde durch die Altstadt Richtung Sundowner. Überhaupt, Durst und Altstadt. Die irritierende Bewegungslosigkeit entlang der Tische verschmilzt plötzlich mit der wuseligen Action in der Mitte des Weges. Wer noch nicht zu tief ins Glas geschaut hat, feuert uns mit Kippe in der Hand hinweg über sein Herrengedeck an. Wo einerseits Welten aufeinanderprallen, haben wir alle auf eine symbiotische Art und Weise Spaß. Ein weiteres Kapitel in den Erzählungen der unter Läufern so beliebten Sauf- und Schnaufgeschichten.

Doch selbst die längste Theke der Welt geht einmal zu Ende. Gemessen an den Strecken, die Läufer so gewöhnt sind, war die Altstadt genaugenommen nur ein kurzer Intermezzomix. Noch bevor wir eine Bestellung aufgeben konnten, rauschte der Tross wie ein Wasserfall hinab in die U-Bahn-Station an der Heinrich-Heine-Allee. Ingo verlangte uns an der Spitze alles ab. Plötzlich verlangte er nach einem H, einem U, einem M, einem B und einem A. Im Vollbesitz immerhin dieser Buchstaben setzte er dann zum gemeinschaftlichen Gesang an. Was ziemlich laut und für die Stadtbahnlinienkunden ein wenig irritierend zu sein schien. Unterirdisch war hier aber nur die Location, überirdisch dafür die Stimmung.

Am Ende liefen wir nach Bilk hinein, wie am Anfang hinaus: Als buntes Volk in ewiger sommerlichen Draußen-Disco, dichtgedränt mit rot, grün, blau, gelb und lila leuchtenden Shirts und Gesichtern, die genauso leuchteten wie unsere Farben. Eine natürliche Pracht, nach der es keinen ColorRun mehr braucht und die Party von ganz alleine zu uns kommt.

Wir sind die Roboter
Der riesige Streetart-Roboter an der Hausfassade, ganz Düsseldorf, ganz Kraftwerk, zwinkert uns beim Einbiegen auf das Gelände des Boui Boui verschworen zu. Strategisch klug haben wir uns bis zuletzt an der Spitze des Tross gehalten, um direkt durch zum Truck die kalten Getränke anzusteuern. Brooks lässt sich nicht lumpen, und verschenkt den eiskalten Labsal aus den rappelvollen Kühlschränke an bedürftige Läufer. Ich habe ja schon so manches Erdinger im Zielbereich genossen, aber häufig darauf erst einmal gewartet. Was im Gegensatz dazu die Crew hinterm Mini-Tresen zauberte, war beeindruckend. Vielleicht war das Ruckzuck einfach eine weitere, tief verborgene Remineszenz an Kraftwerk.

Jedenfalls rockte der Abend bei Grillgut und Getränken for free ganz ordentlich, garniert mit Tischkickerduellen in den angrenzenden, stimmungsvoll illuminierten leeren Hallen. Wobei die Kollegen von Brooks ein letztes Mal bewies, dass sie es einfach drauf haben. Diese Draufgänger. Die coole Sau. Dieser Ingo und seine wilden Straßenläufer.

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