Die drei Wanderhuren

Frodo hätte Freude dran: 53 Kilometer & 2.300 Höhenmeter bei Gruselwetter durch das Karwendel.


Long time no hear. Gab´s doch glatt eine kleine Sommerpause, die in ihrer Länge hier gar nicht so beabsichtigt war. Und eigentlich war noch nicht mal richtig Pause, weil zwischendurch sportlich schon wieder so viel los war, dass ich nur noch nicht zum Veröffentlichen gekommen bin. Auf den Festplatten tummelt sich jedenfalls eine Menge Material, was ich jetzt sukzessive nachschiebe. Außerdem arbeite ich am Relaunch des Blogs: Ein Projekt, das mit schon länger auf der Seele liegt, weil die Präsentation hier unter der Wahl des „out of the box“ Angebotes von wordpress.com leidet bzw. limitiert ist. Die Werbung, die manchmal unter den Artikeln erscheint, ist nicht in meinem Sinne. Der neue Blog läuft jedenfalls schon, ein responsives und modernes Design in schmuckem HTML5, CSS3 und lesefreundlicherem Layout steht, die Inhalte  sind migriert, nur der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Also kümmere ich mich um diese Details, neben der Fortsetzung des Travelthons ab Ende des Jahres.

Immerhin 1.200 Kilometer ging es Ende August nach Österreich in´s Karwendelgebirge. Kurz gesagt zum Karwendelmarsch, der auf 52 Kilometern 2.300 Höhenmeter und viel Naturspektakel bietet. Das Wetter hätte besser sein können, obgleich auch schlechter: Die Veranstaltung, die heuter zum 5. Mal stattfand, erlebte bislang nur 1 x Sonnenschein und damit mögliche Bilderbuchausblicke. In den anderen Jahren schiffte es in einem fort, teils mit Abbruch aufgrund Schneesturm und halberfrorener Teilnehmer. Klingt nicht gerade wie ein Spaziergang, obgleich der Sieger Thonas Bosnjak das Ding in unfassbaren 04:19:05 Stunden finishte. Wir brauchten mehr als die doppelte Zeit und unser Ziel hieß aufgrund der fehlenden Erfahrung im Gebirge für dieses Jahr nur „Finish“. Wir, das war in diesem Fall das feminine Trio der LG Atemnot (Verena, Steffi und Belinda) und ich als Gast- bzw. Brems- und Zugläufer, Fahrer und Starke Schulter zum Anlehnen. Außerdem habe ich den Mädchen Gutenachtgeschichten vorgelesen, als ich abends vor dem Start vor lauter Aufregung nicht einschlafen konnten. Doch lest selbst…


(Video: Falls euch der Song gefällt (so wie mir): Tyrad – The Final Rewind)

Fairy Fitness Tales
Vor langer Zeit lebte eine Prinzessin auf der Erbse. Nach einer langen Trainingseinheit konstatierte der Prinz jovial, sie säh´ jetzt wahrlich aus wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Woraufhin die Prinzessin bitterlich weinte und lange Zeit nicht mehr glücklich ward.

In einem Königreich weit weit weg lebten viele Jahre später drei aus härterem Holz geschnitzte, schweizer Hexen-Schlampen, die sich wünschten, geschlechtsumgewandelt zu sein. Die Angelsachen kannten sie als die three swiss witch-bitches, which wished t o be switched Swiss with-bitches.

Sie schauten sich sehr gern schweizer Swatch Uhrenknöpfe an und die Leute fragten sich, welche schweizer Hexenschlampe, die sich wünscht, geschlechtsumgewandelt zu sein, sich welche Swatch Uhrenknöpfe anschauten? Oder anders. They wish to watch Swiss-Swatch watch switches. Which Swiss witch-bitch which wishes to be switched Swiss witch-bitch, wishes to watch which Swiss Swatch watch switch?

Die dreckigen Drei hatten es nicht nur mit Uhren, sondern auch den Bergen. Also unternahmen sie eines Tages eine Reise in das Karwendelgebirge, von der Schweiz gar nicht mal so weit weg. Das Karwendel legt größtenteils in Tirol, teils in Bayern. Ihre italienische Postkutsche machte hierüber einen kleinen Schlenker und anschließend Halt in Österreich.

An dieser (frühen) Stelle mögt ihr meinen, ich erzählte nur Märchen. Doch die drei Damen haben sich tatsächlich exakt an diesem englischen Zungenbrecher auf unserer gemeinsamen Hinfahrt versucht. Die Kinder muss man bei einer langen Fahrt schließlich irgendwie beschäftigen. Nur Uhren interessieren uns ausschließlich dann, wenn sie von Tom Tom oder Apple stammen.

Stitched Panorama
(Foto: Erste Kilometer, der Weg führt weit über die Berge am Horizont hinaus)

Karwendelmarsch 2014
Jedenfalls führte uns der Weg tatsächlich nach Scharnitz, Österreich, wo heuter Ende August wieder der Karwendelmarsch stattfand. Er bietet Langstreckenwanderern, Nordic Walkern und Läufern ein ganz besonderes Sport- und Naturerlebnis quer durch Österreichs größtes Naturschutzgebiet. Höchster Gipfel ist die Birkkarspitze mit 2.749 Metern. Gelaufen wird wahlweise auf einer Strecke von 35 oder 52 Kilometern. Lässt man die Kurzdistanz mal weg, wollen 2.281 Höhenmeter bergauf bewältigt werden. Genauso viele auch bergab, da Start und Ziel mit 967 bzw. 932 Metern auf gleicher Höhe liegen.

Noch in der Dunkelheit geht´s morgens um 06:00 Uhr rund 20 Kilometer zunehmend steil bergauf zum Karwendelhaus (1.771 m), dann 5 Kilometer bergab zum kleinen Ahornboden (1.399 m), gefolgt von einem erneut steilen Anstieg über rund 450 Höhenmeter auf 5 km zur Falkenhütte (1.848 m). Weitere 5 Kilometer geht es ohne viele Gewese recht alpin zur Sache, bevor der Abstieg zum Zwischenziel Eng hinunter auf 1.227 m bewältigt werden will. Hier finishen die 35 Kilometer Wanderer/Walker/Läufer, während der härtestete Teil auf die 52 Kilometer-Könner noch wartet: Auf gerade mal 4 Kilometern geht es wieder bergan auf 1.903 m (Binnsattel/Gramaisattel), anschließend steil und lang bergab 10 Kilometer bis ins Ziel nach Pertisau am Achensee. Allein in diesem Abschnitt also etwa 1.600 Höhenmeter. Nach den 35 Kilometern zuvor eine packende Einheit!

Erfahrene Ultratrailläufer  und Dolomitenmänner mögen über solche Dimensionen schmunzeln. Angesichts mehrtägiger Alpenquerungen mit einem Vielfachen der Distanz und Höhenmeter entspricht der Karwendelmarsch gerade mal einer größeren Tagesetappe. Echte Siegertypen laufen (!) die Strecke deshalb auch in rund 4 Stunden: Neuer Streckenrekord 2014 von der Trailrunning-Größe Tobias Bosnjak (www.trailshop.at).

Karwendelmarsch Sonne und Regen und Schnee und Wetter Lauf Marsch Nordic Walking Bericht Fotos Bilder Termin Start Ausschreibung Scharnitz Pertisau
(Foto: Realitycheck bzw. Standortbestimmung)

Unfassbar. Un. Fass. Bar (wie ich zur Gratulation schrieb). Zugegeben, als Freizeitläufer gewöhnt man sich schnell daran, dass andere schneller als man selbst ist. Spätestens bei einem großen Marathon, wenn mal wieder die Beine versagen und die Weltelite gerade mal die halbe Zeit bis zum Zielspurt braucht, wird einem klar: Geschwindigkeit ist relativ. Zumindest im newtonschen Grenzfall, in dem näherungsweise die Gallilei-Transformationen anwendbar sind. Der Beobachter, sagen wir mal Mika-Timing, misst als ruhender Beobachtung da gerade mal 2 Stunden, wo unsereins etwa 4 Stunden bis zum Ziel zuckelt.

Das versteht man irgendwie: Die Kenianer und Äthopier laufen von Kindesbeinen an, trainieren viel härter und verstehen sportlichen Erfolg als Türe zwischen der dritten und ersten Welt. Jan Fitschen hat immerhin noch sein Läufermüsli. Und wir unseren Spaß und das bisschen Sport, was am Ende in seiner wöchentlichen Menge eher der Gesunderhaltungsempfehlung der WHO entspricht (30 Minuten am Tag, fünfmal die Woche). Manchmal vielleicht ein bisschen mehr, doch von der Realität einer Sportsucht weit entfernt (die zwar dem ICD-10 und DSM unbekannt ist, nicht aber vielen unsportlichen Hobbypsychologen im Umfeld).

Ein Weltrekordhalter im Marathon kann ruhig doppelt so schnell laufen wie ich. Genaugenommen bin ich stolz, immerhin halb so schnell zu sein. Die Krönung ist es, beim Weltrekord im immer länger werdenden Windschatten mitzulaufen (zum Beispiel 2011 in Berlin). Das ist so ähnlich wie auf der Autobahn, wenn ein Supersportwagten doppelt so schnell fährt. Mit 230km/h bin ich zufrieden, ich brauche keinen Bugatti Veyron.

Doch hier geht´s nicht um die Autobahn oder Berlin, sondern die Berge. 4 Stunden auf 52 Kilometern und 2,3 Kilometer Höhendifferenz (eigentlich 4,6 inklusive Abstieg) bei Dunkelheit, Nebel, Regen und schwierigem Untergrund. Die steilsten Stellen in der „Wand“ um Kilometer 40 bremsten uns selbst auf Zeitlupe: Nach einigen dutzend Schritten mussten wir pausieren und Atem holen. Es war trotzdem möglich, weiter Wanderer zu überholen, doch schon kontinuierliches Gehen (Gehen!) war uns untrainierten Flachlandläufern nicht mehr möglich. Geschweige den Joggen oder eben Laufen.

Sicher werden die Profis hier auch langsamer. An anderer Stelle muss das nur aufgeholt werden, etwa durch ein regelrecht verrücktes Tempo bergab. Vielleicht eine Pace um die 3, 4 Minuten pro Kilometer. 15, 17, 20 km/h. In den Bergen und bei Nässe, wo jeder Meter anders ist und nicht völlig identisch wie auf einer Treppe, dafür immerhin mit oftmals vergleichbarem Gefälle oder Anstiegswinkel. Ja, das ist ein guter Vergleich: Stellt euch dieses Tempo auf einigen Kilometern überwucherter Treppe vor, draußen, nass und eine Stunde bei Dunkelheit. Und noch nicht mal Gesellschaft habt ihr auf den 52 Kilometern. An der Spitze ist man eben einsam.

Stitched Panorama
(Foto: Ankunft mit Blick aus Leutasch Richtung Oberhofen)

LG Atemnot auf großer Fahrt
Ausgleichende Gerechtigkeit, als langsame Teilnehmer kein Problem mit der Einsamkeit zu haben. Gemeinsam mit dem weiblichen Vertretern der Wuppertaler LG Atemnot verschlug es uns also nach Austria, nur einen Steinwurf weit von deutscher Grenze und Zugspitze. Zu Hause hatten wir schließlich am Wochenende zuvor den 6. Platz bei den Mixed-Staffeln von 100 Kilometern Rund um Wuppertal errungen (Bericht folgt). Außerdem schiele ich regelmäßig neidisch rüber zu meinen Brooks Kollegen, ach was, Koryphäen Hendrik auf´m Kolk (www.trailblog.de) und Maazel „The Finisher“ (www.maazel.de – „Stagnation ist für Verlierer“), die sich mit sprichwörtlich großer Kraft und Ausdauer dem Trailrunning widmen.

Das war der Plan:

  • Freitag: Wuppertal -> Scharnitz
  • Samstag: 4 Uhr Aufstehen, 6 Uhr Start, 15 Uhr Ziel
  • Sonntag: Scharnitz -> Wuppertal

Zumindest war das _mein_ Plan. Ich gestehe, nicht bei allen Vorbereitungstreffen der Damen dabei gewesen zu sein. Als Mann sieht man das auch pragmatisch. Das Datum des Laufs ist klar, das Auto tankt man voll und packt sich noch schnell ein paar saubere Sachen für die Rückfahrt mit ein.

Jedenfalls hatten wir dann doch die maximale Zuladung des Alfa ausprobiert und einige weitere Programmpunkte mit eingeplant, die in Konsequenz das Schlafpensum von Freitag bis Sonntag auf insgesamt (!) 12 Stunden reduzierten. Ohne zu sehr in die Details zu gehen, spielten hier alkoholische Getränke und Pyjamapartys durchaus eine nennenswerte Rolle. Ein Wochenende mit Auslauf und Draufgang.

Auf die Plätze, fertig, los
Nach gerade mal 3 Stunden Schlaf (…) standen wir am Samstag also am Start. Der Dauerregen kühlt bei Bewegungslosigkeit ganz schön aus, von Innen wärmte uns noch der Kaffee vom freundlichen Bistro gegenüber. Unsere Unterkunft, der Tiroler Hof (5.7 von 6.0 bei Holidaycheck), war insgesamt sehr manierlich, versagte aber kläglich beim Kaffee. Angesichts der frühen Uhrzeit erkundigten wir uns bei der Anreise danach, ob unser Wunsch nach Kaffe auf Evidenz gehalten werden könne. Naa, Kaffee gibt´s so früh morgens nicht,  man sei leider kein 24-Stunden Betrieb. Schon klar, aber wie wär´s einfach mit einer Kaffeemaschine oder Füllung vorab für die Thermosflasche? Leider nein, küss die Hand, habe die Ehre. Entgegen unserer Befürchtungen standen morgens jedoch keine 2.400 Teilnehmer in der Bäckerei und der Kaffee wurde frisch und freundlich für 2 Extraeuro ganz in der Nähe des Startbereichs serviert.

Überhaupt summiert sich so ein Event. Sprit, Unterkunft, Start, Rücktransport und natürlich das eine oder andere Schmankerl vor Ort. Es ist definitiv günstiger, zu Hause zu laufen. Aber keinesfalls schöner. Ohne echte Berge und so ein kompaktes Wochenende voller unterschiedlichster Eindrücken. Ohne die Legende. Denn als  Karwendelfinisher weiß ich jetzt: Die Legende lebt.

Hotel Tiroler Hof Leutasch Bericht Holidaycheck Essen Kneipe Gasthaus Zur Brücke
(Foto: Austria, Adler)

Über die Legende
Der Karwendelmarsch ist eine Fernwanderung vom Feinsten. Als touristisches Glanzlicht am Ende des Tiroler Bergsommers stellt er auch eine wichtige Plattform dar, um die Botschaft des respektvollen und sensiblen Umgangs mit der Natur zu fördern. Die Natur ist der eigentliche Star. Und der ausrichtende Tourismusverband stellt regelmäßig steigende Übernachtungszahlen aufgrund der Veranstaltung fest. Win-win beim Public-Nature-Partnership. Bislang habe ich noch nicht recherchiert, worauf der Legendenstatus exakt beruht. Definitorisch ist die Legende ja eine dem Märchen und der Sage verwandte Textsorte. Insofern bin ich hier mit dem Bericht hinsichtlich der Einleitung schon mal nah dran.

06:00: Start und erste Kilometer
Startbereich, Dunkelheit, Dauerregen. Die Stimmung ist trotzdem feucht-fröhlich, als der Countdown bereits herunterzählt, während die LG Atemmot-Damen noch ihre Kleiderbeutel für´s Ziel aufgeben. Mir ist so etwas regelmäßig egal, da mich schnell die Warterei an den Aufgabestationen stört. Bei langen Läufen lege ich im Ziel außerdem keinen großen Wert auf schnell Komfort, sondern koste das Gefühl und den Dreck gerne noch ein bisschen aus. Heute kriege ich dafür außerdem den Coutdown mit, und kann mir noch in Ruhe einen zusätzlichen Regenponcho beim Veranstalter organisieren. Schliesslich habe ich jede Menge Technik mit im Gepäck, darunter 15.000 Milliampere und die Spiegelreflexkamera samt externem Blitz. Sollte alles nicht nass werden, ist es aufgrund der Schauer aber bereits ein bisschen. Ein bisschen sehr. Doch die anstehende Herausforderung nimmt zu sehr Herz und Kopf gefangen, als dass ich mir darüber jetzt groß Gedanken machte. Mehrere dünne Lagen Kunststoff lösen die Probleme.

Der Startschuss fällt, die Läufer starten zuerst, anschließend die große Gruppe der Nordic-Walker und Wanderer. Sie bildet mit gut 2/3 die größte Gruppe des Teilnehmerfeldes von imposanten 2.500 Starterinnen und Startern, die sich dennoch in der Dunkelheit verlieren.

Mit einer Brutto/Nettodifferenz von fast 30 Minuten geht es für uns über die Startlinie. Auf den ersten Metern erhalten wir direkt den ersten Stempel: An allen Labstationen (Verpflegungsstationen) wird so der Nachweis einer regelkonformen Teilnahme und Streckennutzung sichergestellt. Bevor wir uns um heißen Tee, Wurstbrote, Blaubeer- und Kartoffelsuppe rangeln, rangeln wir uns um die Stempel. Dafür nesteln wir das Heftchen immer wieder aus seiner wasserdichterdichten Hülle, was mir vor lauter Aufregung am Start schlecht gelang, später aber in Routine überging.

Stitched Panorama
(Foto: Erste Kilometer im Karwendel. Fast wie in Kanada)

Die Verpflegung an den Stationen ist ausgesprochen klasse. Nicht nur schmackhaft, sondern mit Ernährungscoaches speziell auf die Bedürfnisse der Teilnehmer bei schweren Läufen angepasst. Da liegt der Emmentaler-Käse gleich in drei Lagen auf dem Dunkelbrot und die handgemachten Müsliriegel sind schmackhafte Powerbatzen wie nur was.  Schon die (frühe) Anmeldung wiegt die Verpflegung wieder auf. So lecker und reichhaltig bruncht sich´s selten, zumal alles Produkte aus der Region.

Das schroffe Karwendelgebirge versteckt sich in der Dunkelheit und zudem hinter vielen Regenwolken. Im bunten Poncho-Tross geht es im wildkanadisch wirkenden Tal viele Kilometer entlang eines malerischen Flusses bergan. Es wird viel geschwiegen. Weiter später wird auch geschwiegen, doch hier liegt es vielleicht noch an der frühen Stunde oder dem deprimierenden Wetter oder beidem. Trotzdem sind alle zufrieden und genießen, endlich in Bewegung zu sein.

Bei Pausen stellen wir rasch fest, auszukühlen. Zum schlechten Wetter gesellt sich leider seine gewisse Unstetigkeit. Das Wetter, diese kleine Sisi, weiß nicht recht, was es will. Mit deutlichem Hang zum Sauwetter gibt es trotzdem immer mal wieder Regenpausen. Am Berg schwitzt man unter regendichter Kleidung leider sehr schnell, weswegen man Entlüftungspausen äußerst dankbar ist. Umkleiden und technisches Material trocknen klappt zügiger mit kurzem Stop. Von daher. Kostet nur leider auch alles Zeit…

Stitched Panorama
(Foto: Bald im Blickfeld)

09:30: Im Blickfeld der Bergwacht
Mit zunehmender Höhe geraten wir in das Blickfeld der Bergwacht. Sie ist an allen Anstiegen und den zahlreichen Labstationen postiert und beobachtet gezielt das Teilnehmerfeld. Ein bisschen wie ein Löwenrudel, nur das schwache oder kranke Tiere nicht gleich gerissen werden. Sie begleiten die Menschen im Bulli sicher bergab. Oder stehen uns für ein Selfie bzw. die Schmachterei der Damen zur Verfügung. Immer das gleiche Spiel, Hauptsache fitte Männchen. Fortan mache ich nicht mehr Tempo vorne in unserer Seilschaft, sondern gehe hinten, um alles im Blick zu behalten. Sage aber, dass ich die Gruppe nur nach hinten absichern möchte. Mir wird nicht geglaubt, und ich werde wieder nach vorne geschickt.

Überhaupt ist das mit der Position so seine Sache. Mache die Sache ja nicht nur wegen des Sports, sondern daneben der Fotos. Bis auf die Werbegämse Christian Gamsjäger und Karl Posch habe ich niemand anderen mit einer DSLR auf der Strecke gesehen. Mit den Ergebnissen der eigenen Fotos bin ich zufrieden, konnte allerdings ab Kilometer 12 nicht mehr wirklich fotografieren, da das Wetter zu schlecht und die Strecke zu anspruchsvoll wurde (schade, dass ich selbst im Nachgang zur Veranstaltung nicht ein einziges Foto der Profis von mir finde. Obgleich sie gemsgleich vor mir auf den Weg sprangen, und ich beim Blitzlichtgewitter spontan an Blitze und Gewitter dachte! Buam, falls ihr das lest, dann schaut´s nochmal nach).

Stattdessen ab dort viel Material vom iPod, dessen Kamera identisch zu der (vergleichsweise guten) Kamera des iPhone5 ist. Viel schneller gegriffen, getrocknet und verstaut. Außerdem sind seit einigen Tagen Hyperlapse-Videos möglich, sprich stabilisierte Zeitrafferaufnahmen. Einige Beispiele seht ihr hier im Bericht. Auf dem Weg schätzte ich die zusätzliche Herausforderung, mich trotz der laufenden Aufnahmen überwiegend auf  den Weg und sicheren Tritt zu konzentrieren.

Der Weg weitet sich in den wilden Talkessel am Fuße des eindrucksvoll gelegenen Karwendelhauses, was wir im ersten von 3 primär anstrengenden Anstiegen am frühen Vormittag erreichen.

Brooks Pure Drift
Hinauf und hinab laufe ich mit dem Brooks Pure Drift. Viel Schnickschnack hat er als minimalistisches Modell für ein natürliches Laufgefühl nicht, dafür jede Menge Bodenkontakt. Seine Einlegsohle ist herausnehmbar, so dass ich die Sprengung (also den Unterschied der Höhe zwischen Vor- und Rückfuß) zwischen 0 und 4 mm selbst einstellen kann. Je weniger Sprenung, desto direkter der Kontakt zum Boden – allerdings ist das nur geübten Läufern zu empfehlen, da ein aktiver Beinsatz erforderlich wird.

Gänzlich minimal ist der Pure Drift nicht. So hat Brooks ihm zum Beispiel die BioMogo-Mittelsohle spendiert, die den Aufprall dämpft und gleichzeitig wieder Energie für den Abdruck schenkt. Die darin enthaltene zähe Flüssigkeit wirkt wie ein kleiner Energiespeicher, ist am Ende aber nicht mit einem Energieriegel zu verwechseln (ich habe es nicht ausprobiert, gab ja genug Labstationen).

Persönlich liebe ich an ihm die geteilte Zehenbox genannt Toe Flex, die den Gleichgewichtssinn fördert. Die abgerundete Ferse unterstützt außerdem das natürliche Aufsetzen des Fußes. Insgesamt fühlt sich der Schuh „wie eine zweite Haut“ an. Der Schuh ist eigentlich gar kein Trailrunning-Schuh, machte mir aber beim langgezogenen Anstieg des ersten Viertels der Strecke gar nichts aus. Im Gegenteil, leichtfüßig und locker ging es hinauf zum Karwendelhaus und hinab Richtung Ahornboden (km 25), wo ich auf ein Trailmodell von Brooks wechselte. Dazu später in einem separaten Bericht mehr.

Alf Dahl Karwendelmarsch
(Foto: Brooks Pure Drift)

Falkenhuette 2
(Foto: Falkenhütte)

13:30: Herr Frodo, nicht aufgeben
Zum Nachmittag hin verschlechterte sich das Wetter erneut. Mit Marsch auf die Eng machten sich die Beine langsam bemerkbar.  Höhepunkt war zuvor noch die Falkenhütte, an der wir uns zum einzigen Mal auf der Strecke trocken unterstellen konnte. Die Zeit wurde genutzt für einen WC-Besuch, Durchschnaufen, Check der Technik und erneutem Aufbruch. Schöne Minuten inmitten einer unwirtlichen Umwelt, deren Bewältigung uns Gäste in seiner schlichten Behaglichkeit wortlos zusammenschweißte, und an die ich mich lange erinnern werde. Sie verstärken nochmals den Wunsch nach sportlicher Freizeit in den Alpen inklusive Hüttenwanderung.

Hinab ging es Richtung Eng über schier endlos wirkende wildromantische Alpinlandschaft am Fuße riesenhafter nebelverhangener Bergwände und Schuttkegeln zu ihren Füßen. Bei dem Szenario drängten sich der Vergleich zu Mordor auf, der von Sauron kontrollierten Region aus J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe (bzw. der cineastischen Interpretation von Peter Jackson). Schon wollte ich meinem Vordermann zurufen: „Herr Frodo, nicht aufgeben“, habe es dann aber doch gelassen, da mich unterwegs widerrum blondbezopfte Madln anschnauften, anlächelten und ansprachen, doch ich ihren Dialekt nicht verstand. Auch nicht auf Nachfrage. Das machte sie aber neben den schmutzigen Füßen, Regen im Gesicht und Schnodder um die Nase nur noch süßer.

Karwendel
(Foto: Frodo)

Aktuell sind wir irgendwo bei Kilometer 30 und kurz vor der Eng. Es heisst, sie muss „passiert“ sein bis 14:30 Uhr, sonst wird man aus dem Rennen genommen. Weitergehen bis Kilometer 52 ist erlaubt, jedoch aussschliesslich auf eigenes Risiko, ohne die Verantwortung des Veranstalters oder die Bergwacht im Rücken. Ohne Startnummer. Ohne Ergebnislisteneintrag. Ohne FAME.

Das geht natürlich nicht. Wir stellen fest, uns über den Tag total verbummelt zu haben. Viel zu lange Pausen an den Stationen, ohne die Uhr im Hinterkopf. Öfters mal eine Umbaupause für die Kleidung. Pinkelpausen. Und eine Geschwindigkeit, die sich zwar konditionell an steilen Passagen optimal an die Steigung anpasst, auf der Langdistanz aber aus Vorsicht vor dem, was noch kommt, als zu langsam herausgestellt hat. Sprich: wir sind in Eile. Nur noch einige Kilometer bis zur Eng und gefühlt  noch eine halbe Stunde.

Es veranlasst Steffi und mich, unseren Schritt zu beschleunigen. Unsere Seilschaft muss nicht zwangsläufig zusammenbleiben, an den Labstationen haben wir uns bislang immer wieder zusammengefunden. Jetzt macht jeder Tempo, wie er will und kann.

Das mit dem Wollen ist allerdings so eine Sache. Aufgrund der zumeist engen Singletrails, das heisst, dass der Weg so schmal ist, dass nur eine Person hinter der anderen gehen kann, sind Überholmanöver tüchtig erschwert. Es geht trotzdem, mit Zuruf und Waghalsigkeit.

Überhaupt hat man ohne Stöcke und mit mutigem einen besseren Halt. Den gleichen Effekt machen sich sicher die Läufer auf der Langdistanz zunutze. Ich kenne es aus dem Winter, wenn sich bei Schnee und Eis die Fußgänger langsam vorantasten, während ich an ihnen sicher vorbeilaufen kann. Durch den stärken Anpressdruck beim Laufen gewinne ich mehr Stabilität und Sicherheit, so auch hier. Außerdem, da bin ich ganz ehrlich, Überholen unheimlich reizvoll ist. Beim Laufen ist es nicht anders.

 

Stitched Panorama
(Frodo: Singletrail nahe Mordor)

14:00: Trailrunning mit Anton & Urs
Es wird noch viel wilder, als sich mir von hinten plötzlich zwei fitte Jungs nähern. Sie laufen regelrecht den Berg hinab und ich höre, wie sie sich besprechen, die Zeit noch schaffen zu wollen. Wie gesagt, erreichen die Teilnehmer nicht bis 14:30 Uhr die Eng, dürfen sie nicht offizell gewertet weiter….

Ich hänge mich hinter sie, laufe mit. Das ist zu schaffen, weil der Blick auf die Füße vor mir die Wegfindung erleichtert. Noch 2, 3 Kilometer. Nestel nach dem iPod für ein Hyperlapse-Video. Jetzt oder nie! Einen Versuch habe ich ja. Sollte ich ausrutschen und mich legen, dann habe ich es immerhin ausprobiert. Tue es, mach es, damit Du weißt, wie es ist. Ich halte mit. Das Tempo ist genauso verrückt wie der Untergrund. Ein Wunder, nicht zu stürzen. Wir überholen einen Wanderer nach dem anderen, die beiden machen mit ihren Rufen gut die Strecke frei.

Plötzlich stürzt einer der beiden, flucht, rappelt sich zurückgefallen wieder auf, schließt auf. Wenig später stürzt er ein zweites Mal, diesmal sehe ich die kritische Stelle am Boden und kann nur knapp ausweichen, bleibe aber auf zwei Beinen. Er hat Schmerzen, bedeutet seinem Partner jedoch, weiterzulaufen. Ich tue es ihm nach, filme den Höllenritt bis ins Ziel.

Ein persönlich nachhaltig memorabler Moment der Marsches. Später spreche ich mit beiden, es sind Gebirgsjäger aus Österreich. Im Teilziel bin ich sehr glücklich, es geschafft zu haben, blicke aber direkt wieder Richtung Berg, und warte auf die anderen. Mache ein paar Fotos, bevor ich auch Stefanie begrüßen darf. Verena und Belinda sind noch weiter oben. Uns ist sofort klar: Wir warten auf die Kameraden.

Karwendel Trailrunning Pictures Zugspitze Bilder Wetterstein Bericht Alpen Trailrun
(Foto: Zwischenziel Eng bei KM 35. Unten rechts mittig Verena und Belinda)

14:30 Uhr: Das Phantom-Kommando
Eine Entscheidung, die wir wenig später bezogen auf das Reglement bereuen sollen: Die Zielzeit verstreicht, die beiden kommen nur wenig später über dem Teilzielschluss in der Eng an. Da wir auf sie gewartet haben, sollen wir unsere Startnummern vor dem Weiterstieg ebenfalls abgeben. Am Ausgang steht ein wenig freundlicher Herr, der die Startnummern einkassiert. Der Schlussläufer sei schließlich schon durch.

Ich habe Verständnis dafür, dass irgendwann am Zwischenziel auch mal zeitlich Schluss ist. Vielleicht wäre es aber eine ganz sinnvolle Maßnahme, in den Unterlagen besser auf die Umstände hinzuweisen. Oder beim Stempeln des Passes wenige Minuten vor Zielschluss einen Hinweis zu geben, man möge bitte sofort weiterlaufen, wenn man nicht vorzeitig Aussteigen möchte (oder vorzeitig Ausgestiegen wird). Unter „Passieren“ verstanden wir das Erreichen, nicht das Durchlaufen.

Na, jedenfalls fehlten uns jetzt rund 30 Minuten auf den Schlussläufer plus Wachhund am Ausgang des Areals. Kurzerhand waren wir uns alle einig, weiter den Weg ins Ziel nach Pertisau zu beschreiten, Wertung hin oder her. Die beiden Nachzügler hatten sich aufgrund der Overtime schon offiziell ausgetragen, sprich Finish für die Wertung bei KM 35.

Steffi und ich haben der Einfachheit halber unsere Startnummern in den Rucksack gepackt. Am Checkpoint waren wir für den Kontrolleur nur noch einfache Wandersleute. Uns war klar: Überholen wir den Schlussläufer, sind wir wieder im Rennen. Noch 17 Kilometer und 1.600 Höhenmeter bis zum Ziel. Sie hatten eine halbe Stunde Vorsprung.

Die beiden anderen Ladys gaben uns grünes Licht, unser eigenes Ding zu machen. Wir sehen uns dann im Ziel! Woraufhin Steffi und ich mit dem Tempo anzogen und komplett auf Pausen verzichteten. Als Lohn sichteten wir bereits nach einigen hundert Höhenmetern wenige Kilometer später viele bunte Punkte in der Wand hoch über uns. Wir gaben uns High Five, weswegen Steffi fast das Gleichgewicht verlor (und fast auch einige hundert Höhenmeter).

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Ich habe mal von einem Experiment gehört, in dem zwei Ratten in einem Glas voller Wasser trampeln. Sie schwimmen, um nicht zu ertrinken. Aufgrund des Aufbaus geht ihnen jedoch irgendwann die Kraft aus, sie ertrinken zwangsläufig. Eine der beiden Ratten bekommt ein Stöckchen gereicht, kann sich festklammern und beinahe entkommen, bevor es ihr wieder entzogen wird. Diese Ratte hält 10 x so lange durch, bis sie ertrinkt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Unser Ziel war zu Beginn nur imaginär, jetzt aber ganz real vor bzw. über uns. In der Wand, die sich in glitschig-schlammigen und steilen Serpentinen wie eine Miniaturausgabe des Stilfser Jochs am Berg hochschraubte, überholten wir ab der Mitte Läufer um Läufer. Wir bestanden nur noch aus keuchender Lunge und schweren Beinen, gewannen aber Höhenmeter um Höhenmeter. Hier entstanden auch die Bilder der Plaketten von Nina Witte und deinerstrecke.de. Nina war so nett, jeden Teilnehmer unseres Teams damit als Glücksbringer auszustatten. Es hat funktioniert!

DeineStrecke Nina Witte Karwendelmarsch Alps Alpen Berge Mountains Plakette Höhenmeter Profil Glücksbringer Anhänger
(Foto: 600 Meter Wand bei KM 40. Wand + Plakette = Glück)

15:30: The Descent
Als wir den Pass erreichen, begrüßen uns wieder einige der gut gelaunten und aufmerksamen Mitglieder der Bergwacht. Schnell um Erlaubnis gefragt und ein Foto geschossen, schon geht es an den wilden weil steilen und rutschigen Abstieg, erneut etwa 1.500 Höhenmeter. Die Beine protestieren, doch uns trägt das gute Gefühl, wieder im Rennen zu sein: Jetzt sind wir wieder inmitten des Teilnehmerfeldes und überholen erneut Läufer um Läufer.

Bergab ist das auch hier eine kniffelige Geschichte. Die Trockenheit unserer Füße ist uns mittlerweile egal, so manches Überholmanöver wird mit einem Schlammbad oder einem kühlen Schwall eiskalten Bergwassers von der Ferse bis zu den Zehen bezahlt. Einerlei! Berauscht und im vollen Flow geht es bergab – und das nach mittlerweile rund 42 Kilometern.

An einer der letzten Labstationen fällt auf, dass uns ein Stempel fehlt. Grund ist unsere verspätete Durchreise ab dem Zwischenziel. Nicht nur der Schlussläufer war schon eine halbe Stunde durch, sondern wohl auch das Labstationenpersonal. Tatsächlich erhaschten wir eingangs in den Berg noch das weiße Zelt an der Alm, bei Ankunft jedoch nur noch den verschlossenen Transporterbulli der Bergrettung. Fortan legen wir beim Abstieg eine Geschichte zurecht, die das Fehlen erklärt – ein ausgedehntes Vesper nach der Eng. Denn nur mit einem vollständig gestempelten Heft erringt man den sagenhaften Finisherbeutel, zumindest steht´s so geschrieben. Bis zum Schluß wird das jedoch keinerlei Probleme mehr machen und gar nicht weiter auffallen.

Die letzten Kilometer bis nach Pertisau ziehen sich: Das Gefälle nimmt ab, geht in die Ebene über und das Tal weitet sich. Auf Asphalt und im erneut einsetzenden Regen klopft eine kleine Monotonie an die Türe. Wir lassen Sie nicht herein, unterhalten uns stattdessen und machen letzte Plätze gut.

Nach Pertisau
(Foto: Gleich geschafft, nur noch 10 Kilometer geradeaus)

Karwendelmarsch Richtung FInish
(Foto: Fast da, nur noch 1 kleiner Berg)

110 Plätze gewonnen
Insgesamt werden wir ab der Eng nur ein einziges Mal überholt. Sofort assimilieren wir den Stil des sportlichen Herrn und rufen ihm unsere Glückwünsche zu seiner Leistung zu. Hinter uns liegen immerhin 110 aufgeholte Plätze bzw. Personen. Persönlich ist das die Zahl, über die ich mich in einem Meer von aufgezeichneten Daten am meisten freue: Dass wir ab Kilometer 35 und in den schwierigsten Passagen so aufgedreht haben. Über die gesamte Dauer gab es eine sehr stetige Leistung ohne Einbruch. Als Läufer auf der Langstrecke freut man sich darüber, halt dass die Krafteinteilung und ihr Abruf so homogen lief. Eine Bank bei jedem Marathon: Es nicht zu schnell anzugehen, um später nicht einzubrechen.

Den Zieleinlauf genießen wir, ich filme die Passage mit Hyperlapse. Angesichts der Uhrzeit am späten Nachmittag und des Regens ist es nicht gerade überfüllt in Pertisau. Trotzdem werden wir noch beklatscht und unter Bravo-Rufen hören wir die Durchsage, die unsere Namen und Herkunftsorte bzw. Land nennt. Wo ich noch „aus Solingen“ stamme, ist Steffi für den Sprecher „extra aus Deutschland angereist“. Später sehe ich, in der Ergebnisliste als Österreicher geführt zu sein. Nehmen uns vor, im kommenden Jahr alle aus Österreich zu kommen und als Ort „Gangbang“ anzugeben.

Im Ziel und irgendwie am Everest
Der Veranstalter ist für das angenehme Finish nur zu beglückwünschen. Im Zelt unmittelbar hinter der Medaillenankleide gibt es erstmal sofort wieder belegte Brote und andere leckere Spezialitäten aus Tirol. Nicht zu vergessen die Sitzgelegenheiten, die eine teuflische Anziehungskraft ausüben. Sich wieder aufzuraffen, fällt schwer, doch muss sein: Der Verbleib unseres zweiten dynamischen Duos bestehend aus Vereina und Belina ist zu klären.

Die Telefonverbindung kommt zunächst gar nicht zustande, dann n r se r schlcht. Hallo? Hallo, Verena? Kannst Du mich hören? W si i r? Hallo? I  h knn     nic      ! (Statisches Rauschen) Hallo? W  s? Bi  te noc  ml! H llo? Es ist ein bisschen wie am Everest, es fehlen nur noch die Teleskope, mit denen wir den Rest der Seilschaft am Gipfel beobachten. Unsere Sorge wird immer größer: Was haben die beiden wohl gemacht, so ganz alleine in der Serpentinensteilwand? Wir zwei Ratten hatten ja unser Stöckchen, doch die beiden haben vermutlich nichts: Keine feschen Bergretter, keine Schlussläufer in Reichweite, keine Labstationen. Und irgendwann fährt im Ziel ja auch der letzte Bus. Genauer gesagt in 90 Minuten, der letzte Funkkontakt brachte immerhin etwas von „noch 9 Kilometern weit weg“ durch. Das wird knapp.

Schlussletztlich schafften es die beiden mit einem bisschen Unterstützung durch die Bergretter bis ins Ziel. Die Details tun hier jetzt mal nichts zur Sache, wir waren gegen kurz nach 19 Uhr einfach nur froh, alle wohlbehalten wieder zusammen zu sein und den Bus über Innsbruck zurück nach Scharnitz zu nehmen. Die Fahrt bot lohnenswerte Ausblicke entlang des Achensees, Almen, Städte und olympischer Architektur am Beispiel der Skisprungschanze in Innsbruck. Kurz durchzuckte mich zwar die Erinnerung an die Busfahrt aller Busfahrten in Afrika, doch hier war man safe. Gefährlich allerhöchstens der Geruch basierend auf Feuchtigkeit, Modder, Schweiß und Wasnichtnoch von dutzenden und doch glücklichen Sportlern.

Pertisau Ziel Karwendelmarsch
(Foto: Blick zurück in´s durchquerte Karwendelgebirge)

Pyjamaparty II
Selbstredend wurde der tolle Tag gefeiert. Die Mädels luden mich erneut zur Pyjamaparty ein. Sehr zu meinem Leidwesen hatte ich wieder gar keinen Pyjama dabei. Sehr zu ihrem Leidwesen habe ich mir stattdessen einfach eine frische Jeans und ein T-Shirt angezogen. Sehr zum Leidwesen des ganzen restlichen Hotels hatten wir dann bis gefühlt 2 Uhr in der Früh lauthals unseren Spaß bei Knabbereie, Getränken und Gschichtn´.

Nach weiteren 7 Stunden erreichten wir in bester Laune das Frühstück. Erstaunlicherweise unter völligem Fernbleibens auch nur eines Anflugs von Hangovers. Dabei haben wir uns vor, bei und nach der Veranstaltung richtig, richtig Mühe gegeben. Es ist uns nicht gelungen. Vor der Rückfahrt machten Steffi und ich trotzdem noch eine Runde durch´s Dorf in Leutasch, bewunderten die vielen Freizeitmöglichkeiten (Rafting, Angeln, Schwimmbad, E-Bike, Laufen, Ingress) und wurden ein wenig wehmütig angesichts unserer baldigen Abreise.

Abreise
Ursprünglich für den morgigen Montag vorgesehen, sagen wir also Sonntag schon weniger laut als leise Servus. Wofür die Aushilfe flüsternd die Chefin herbeitelefonierte, die wiederum extra ihre Teilnahme an der Sonntagsmesse für uns unterbricht. Während sie die Abrechnung vobereitet, fotografieren wir nochmal unsere Füße. Einem invertierten Kleeblatt gleich stehen wir so an der Rezeption und haben ununterbrochenen unüberhörbaren Spaß. Alkohol verfliegt, Adrenalin bleibt: Zumindest die ganze lange Rückfahrt über Füssen zurück nach Wuppertal und Solingen hält es uns auf Trab. Trotz Ferienende und dadurch Dauerstau feiern wir die Warterei im Stau einfach weg.

Am Montag trägt mich das Adrenalin noch in´s Büro und über den Tag. Am Dienstag packte die Erschöpfung zu, das Immunsystem spielte nicht mehr mit, Freitag werde ich den Anflug einer Erkältung haben, am Wochenende und der Folgewoche geht gar nichts mehr: das biologische Abwehrsystem kapituliert vermutlich vor lauter open-window-syndrom. Die Bronchen sind entzündet, mein Körper, der Verräter, hat leider eine Vorliebe dafür entwickelt. Wenn das Fieber Dienstag wieder weg sein wird, rät die Ärztin zur Aufname von Spaziergängen. So 1, 2 Stündchen, rutscht es mir rethorisch raus. Sie lacht, schaut mich an, als wäre das ein Spaß gewesen und setzt bestimmt nach: 15 bis 20 Minuten, nur flach und bei Regen ginge ich gefälligst rein. Eine Tragödie!

Ende…

Oh, nein, doch noch nicht:

The Tradegy of Macbeth
Ehrenrettungshalber noch kurz zu dem Titel dieses Beitrages. Angelehnt an das Wetter unserer kleinen Expedition erinnerte mich dieser Lauf an die Anfangssequenz von Macbeth. Das Drama beginnt mit dem Auftritt dreier Hexen, die inmitten eines Gewitters darüber beraten, wann und wo sie mit dem königlichen Heerführer zusammentreffen wollen. Also eigentlich genau wie bei den Vorbereitungstreffen zum Karwendelmarsch.

Es gibt in den weiteren Akten des Dramas noch weitere Parallelen zu den Hexen und meiner drei Begleitungen: Ihre Weissagungen verfolgen mich im Schlaf (-> Teilnahme Karwendelmarsch 2015), die Hexen brauen gerne Zaubertränke (-> Spumante) und sie singen manchmal Hexenlieder (-> Hangover, Too Close). Von der Witch zur Bitch ist es dann verbal nicht mehr weit – sprachlich außerdem äußerst attraktiv wegen der Wanderei. So viel zum Titel. Auf die 3 Damen lasse ich nämlich sonst nichts Kommen. Angestoßen haben wir fantastischen Vier nur mit Sekt, Rotwein und Bier. Niemand ist Dreirad gefahren. Ausschließlich der Spaß, Sport und Weg war das Ziel. Außerdem hatte ich mir vor der Fahrt dieses Buch aus dem Regal geholt: Von Person zu Person – Zur Moralität persönlicher Beziehungen (Suhrkamp).

Dank und Fazit
Mein Dank gilt Verena Uebing, Belina Müller und Stefanie Hentrich für ein sportlich fantastisches und unterhaltsames Wochenende der Extraklasse. Ihr seit drei flotte Freundinnen, wie man sie sich nur wünschen kann. Mit dem 29. August und 09:30 Stunden stehen Datum, Teilnahme und Zielzeit für den Karwendelmarsch 2015 fest.  Die Onlineanmeldung ist ab voraussichtlich Ende November möglich.

Die Veranstaltung ist uneingeschränkt empfehlenswert und ein beeindruckendes Erlebnis für Trailrunning-Anfänger. Durch die parallel startenden Gruppen der Läufer (vorweg), Nordic Walker und Wanderer ist das Feld gut gefüllt. Zu keinem Zeitpunkt fühlt man sich alleine (zumindest als Nicht-Elite-Läufer). Allerdings sollte man bereits beim Start darauf achten, sich je nach Leistungsniveau weiter vorne oder hinten einzusortieren: Überholmanöver sind je nach Streckenabschnitt schwer oder gar nicht möglich. Eine Einteilung nach Zielzeit existiert beim Start (noch?) nicht, was jedoch dem insgesamt eher auf das nachhaltige Naturerlebnis als Leistungsgedanken ausgerichteten Marsch entspricht.

Der Lauf ist von Anfang bis Ende mit Herzblut organisiert und die Leistung der vielen hundert Helfer am Start, entlang der Strecke an den Labstationen und in den Hütten, im Zwischenziel und Finish allerehrenwert.

Das Ziel, uns als Teilnehmer für die Region rund um Seefeld, den Achensee, das Karwendel und Tirol im Allgemeinen zu begeistern, ist vollends geglückt. Wir kommen gerne wieder und haben uns in den wenigen Tagen in Österreich sehr wohl gefühlt. Haben die Ehre.

P. S.: Wem die Zusammenfassung hier jetzt zu kurz war, findet weiteren Text und Eindrücke von der Strecke in diesem Blog.

Pertisau am Abend Sonnenuntergang See Blog Bilder Bericht Wandern Karwendel Hotel Tiroler Hof Leutasch
(Foto: Abendstimmung im Ziel)
Grün ist die Farbe der Hoffnung
(Foto: Firmenlauf on Tour)

Bergwacht
(
Foto: Im Blickfeld der Bergwacht)

Wandern Berge Deutschland Alpen Marathon Nordic Walking Laufen Läufe Trails Trailrun Trailrunning
(Foto: Kuh vor Karwendel (DSLR))

Kuh Cow Alps Alpen Gebirge
(Foto: Kuh vor Karwendel II (iPod))

Teilnehmer Karwendelmarsch Österreich Schweiz Deutschland Anreise Hotel Hütte DAV Laufen Trailrunner Trailrunning Trail Jungfrau Marathon Laufen Wandern
(Foto: Schweizer sind sehr sympathisch)

Blick zurück Pertisau Karwendelgebirge Querung Durchwanderung Innsbruck See Bilder Blog Bericht Wanderung Trailrun Laufen Biken Ski
(Foto: Ein letzter Blick zurück)

Trailrunning Medaille Finish Trail Run Berglauf Berglaufen Blog Alpen Ultra Ergebnisse Ausschreibung Anmeldung Startplatz Seefeld Tirol Olympia Achsee Karwendel Zugspitze Dolomiten
(Foto: 3 Wettbewerbe, 2 Distanzen, 1 Medaille)


(Video: Im Original exakt auf die ersten 100 Sekunden von Taio Cruzs „Hangover“ geschnitten. Zooms und Übergänge passen. Leider ist die Musik zur verwendeten Veröffentlichung nicht vom Lizenzgeber freigegeben. Daher kommt in dem Video hier nur lizenzfreie Musik zum Einsatz. Manuell geht es natürlich trotzdem, falls ihr den Sound des Originalvideos und das Video oben zeitgleich startet…)

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