Faszination Vakzination

Läufer sind an weite Strecken ja gewöhnt. Neu ist mir persönlich hingegen fieses Fernweh. Kopf und Körper scheinen angesichts von viel ganzjährigem Naturerlebnis irgendwie auf den Geschmack gekommen zu sein. Nur genügen heimische Wäldchen und freundlicher Volkslauf vor der Haustüre nicht mehr. Hoffentlich ist wenigstens the world enough…

In the Beginning
Wohlmöglich liegt es auch an jetzt mittlerweile mehr als 5 Jahren Laufsport. Eine halbe Dekade voller Freizeitspaß und Erfahrungen, die ganz bestimmt auch weiterhin steigerungsfähig sind. Allein letztes Wochenende bewies sich wieder in den Steilwänden der Wupperberge, dass das Abenteuer vor der Haustüre wartet, ach was, einem regelrecht auflauert. Also weiterhin zumindest mit dem aufrichtigen Willen nach „höher, schneller, weiter“: Bergläufe, Bestzeiten und Ultramarathonstaffellauf stehen auch 2014 auf dem Wunschprogramm. Doch in die freie Zeit zwischen Beruf und Training mischen sich neue Aktivitäten und Projekte, deren Erwähnung hier nur begrenzt sinnvoll ist.

Es gibt aber Ausnahmen. Vielleicht lag es letztens an der rein passiv beigewohnten Unterhaltung in der Arztpraxis wenige Monate zuvor. Mir gegenüber saß eine blonde Frau mittleren Alters, murmelnd mit männlicher Begleitung. Er war augenscheinlich schon ein wenig in der Welt herumgekommen. Sie aktuell bei Facebook unterwegs, Katzencontent und Nuttenfififotos der Kontakte inklusive.

Während die Worte das Schweigen im Wartezimmerwalde vertrieben, machte ich mir so meine Gedanken. Im Internet und der Bibliothek habe ich selbst auch schon eine Menge gesehen, gelesen geblättert, andere Kontinente hingegen real entdeckt noch nicht so sehr. Ein Demograf hat mal berechnet, dass 93 % aller menschlichen Wesen, die jemals auf der Erde lebten, mehr als 100 Milliarden, bereits wieder verschwunden sind. Die Mehrheit unserer Leiden und Triumphe liegt hinter uns. Wir lassen sie täglich im Brachland der vergessenden Vergangenheit zurück. Und das ist richtig so. Noch ein bisschen mehr Leiden und Triumphe in eigener Sache wären aber eigentlich noch ganz nett.

Gab es mal Urlaub, gefiel es mir sehr, war jedoch nie weit weg. Mit Speed of Light Ruhr ergab sich im vergangenen Jahr plötzlich ein immerhin schon über Kontinentaleuropa hinausgehendes, internationale Projekt. Und die englischsprachige Kommunikation mitsamt völkerverständigenden Spirit und attestierter „Talkativness“ lief ausgezeichnet.  Also sollte ich vielleicht mal mutig die Teilzeit-Emmigration ins Ausland planen und andere Länder unter die Laufschuhe nehmen.

Inexpensive in paradise
Wohin? Der bulgarische Goldstrand kann mich mal gernhaben, Holland hatte ich schon und Pauschaltourismus der Marke Mallorca mag adequat für Nuttenfiffifriends und Facebookfoes sein. Es musste etwas Ausgebuffteres her. Das habe ich gefunden, besser: zusammengeklickt…

Schon allein die Reisevorbereitung bzw. Tourplanung ist das pure Abenteuer. Um die Spannung noch etwas aufrecht zu halten: Es musste ja unbedingt eine komplizierte Sache sein, die theoretisch meinen Vorstellungen von der abenteuerlichen und abwechslungsreichen Katalogurlaubalternative ziemlich nahekommt. Genaugenommen frage ich mich jetzt, wo es nächste Woche bereits ab Paris in der Praxis losgeht, was mich glauben lässt, lebendig zurückzukehren. Vorbereitung ist alles, doch die Reise lässt sich so schlecht simulieren. Als hätte man sich monatelang auf den Marathon nur theoretisch vorbereitet. Verdammter Freizeitstress!

Jetzt also das: 10.000 Kilometer am Stück. Der Clou: Hinsichtlich der wirtschaftlichen Aufwände so gnadenlos optimiert, dass es jedem Reisebüro die Tränen in die Augen treibt. Sollte alles klappen, steht mit „Paradise preiswert“ der Arbeitstitel für den nächsten Beitrag jedenfalls schon fest.

Adventure is calling
So viel für den Moment als weiter, weiter Ausblick, denn heute geht es ja gerade mal um einen Teilaspekt der Reisevorbereitungen. Laufsachen packe ich auf jeden Fall natürlich auch mit mit ein. So aufregend ungewohnt Läufe im Klima der Subtropen, Savanne und Wüste auch sein mögen. Adventure is calling…

Wo das Abenteuer anruft, klingelt erstmal das Telefon. Terminvereinbarung beim Hausarzt,  die letzte Impfung liegt schließlich gefühlt mehr als 30 Jahre zurück. Damit stehe ich nicht alleine da. Zu viele Erwachsene sehen das Thema Impfen mit der Kindheit irgendwie als abgeschlossen an. Bei der Frage, wo der Impfausweis liegt, müssen die meisten ein wenig nachdenken. Glücklicherweise hat Mutti meinen sicher verwahrt, Muttis ™ gehören somit eigentlich in die Empfehlung der Ständigen Impfkomission (STIKO)

Impfen nützt, impfen schützt
Erwachsenen ist als Routineimpfung mindestens Tetanus (Wundstarrkrampf, Auffrischung alle 10 Jahre), Diptherie (alle 10 Jahre) und Keuchhusten (Pertussis, einmalige Auffrischung) empfohlen. Polio(Kinderlähmung) je nach Destination der Fernreise (aufgrund der Situation in Syrien mit aufgefrischt). Masern, Mumps, Röteln und Windpocken sind idealerweise bereits im Kindesalter mit der Impfung bedacht worden und müssen in diesem Fall nicht wiederholt werden. Ausnahme sind Masern für ab 1970 Geborene mit unklarem Immunschutz, für die eine spätere Impfung zur Absicherung empfohlen wird.Gebärmutterhalskrebs (HPV) ist nur was für Mädchen oder Muttis (bzw. die es noch oder nochmal werden wollen).

Optional wäre noch die jährliche Impfung gegen Influenza (Grippe) oder urlaubsorientierten FSME-Schutz (Frühsommer-Meningoenzephalitis durch Zecken) zu nennen, ab 60 Jahren außerdem Pneumokokken, Compliance vorausgesetzt.

Stiko
(Impfkalender – Klick für PDF (Quelle: BZgA)

So viel mal zu den Standards der ersten Welt. Praktischerweise lassen sich alle Empfehlungen für Erwachsene oben im vorvorletzten Block mit einem einzigen Pieks abhandeln (Kombinationsimpfung). Spannender, aufwändiger und teurer wird die Sache bei einer Fernreise. Glücklicherweise insofern nur einmalig, als dass der Impfschutz meistens wieder für rund 10 Jahre vorhalten sollte, sofern der Körper denn welchen aufbaut. Bei der notwendigen Prozedur zur Erlangung kann allerdings bei aller Einmaligkeit der Erlebnisse keinesfalls von örtlicher, zeitlicher oder preislicher Singularität die Rede sein.

Für Fernreiseerfahrene über Europa hinaus (oder einige Berufsgruppen) dürften Hepatitis A/B, Gelbfieber, Tollwut und Typhus eher vakzinierend als faszinierend sein. Je nach Destination macht eine entsprechende Impfung (Vakzination) mehr oder weniger Sinn. In meinem Fall machen leider alle Impfungen Sinn.

Impfen nützt, Schimpfen schützt
Eingangs erschien mir das noch nur insofern doof, als dass das nicht gleich auch noch meine Hausärztin hineinkombinierte. Stattdessen verwies sie mich auf den Tropen-Doc, den ich in meiner Vorstellung gedanklich irgendwo zwischen Indianer Jones und pfäffischen Missionaren verortete. Doch weder Kult noch Klischee regieren diese Welt – sondern der Kommerz.

Gelbfieberimpfstellen gibt es nicht wie Sand am Meer. Immerhin existiert eine kleine Auswahl im Bergischen Land. Bestimmt machen die meisten Tag für Tag einen epidemiologisch guten Job. Impfen gegen das „schwarze Erbrechen“, wie Gelbfieber anschaulicherweise noch genannt wird, quasi bis zum Erbrechen. Gute Jobs sind aber scheinbar genauso schwer zu finden wie gutes Personal. So erging es mir zumindest schon beim ersten Ansprechpartner, dem hiesigen städtischen Gesundheitsdienst.

Ja, ICD-10 A95 impfe man grundsätzlich. Doch nicht mich, ich reise ja schließlich nicht aus einem Empidemiegebiet ein. Ja, die Empfehlung vom Auswärtigen Amt für einen grundsätzlichen Gelbfieberimpfschutz vor Ort kenne man. Nein, da wäre man dann trotzdem nicht zuständig. Und ja, Hepatitis könne an sich schon der Hausarzt impfen. Soll ich ihn doch wechseln.

Beim IGeL-Pabst von Wuppertal
Versuch Nummer 2 startete ich bei einer ebenfalls amtlich ausgewiesenen Stelle in Wuppertal. Der Kollege ist approbierter Allgemeinmediziner und versteht sich daneben auf eine Reihe zusätzlicher Dienstleistungen aus dem Kreis der ganzheitlichen Medizin. Schon der Eingangsfragebogen der Praxis stellte hier gewisse Weichen. Beispielsweise mit der Erkundigung nach den drei wichtigsten Dingen in meinem Leben (Gesundheit? Zufriedenheit? Glück?) und der Bereitschaft meines persönlichen monatlichen privaten Investitionsvolumens zugunsten körperlicher und seelischer Gesundheit. Zum Ankreuzen.

Nur wenig später machte ich einen Haken (und drei Kreuze) dahinter. Auf der einen Seite ist mir ja klar, dass Reiseschutzimpfungen grundsätzlich privat bezahlt werden müssen. Vereinzelt wissen Patienten zu berichten, nichts bezahlt zu haben. Jedenfalls war ich tapfer auf eine kleine Finanzspritze gefasst, jedoch nicht auf einen monetären Aderlass in Form eines 3,5-fachen Gebührenwertes. GlaxoSmithKlyne hätte jedenfalls Augen gemacht, dass ihr Twinrix vor Ort gelagert und gut gekühlt ruckzuck mehr als das doppelte Wert ist. 140 € für eine Beratung, die den Namen kaum verdient plus eine von insgesamt drei jeweils (!) mit rund 100 € kostenpflichtigen Hepatitis A bzw. B (3. Stufe) sind grenzwertig. Beim Blick in´s Impressum der Website erklärt sich daraufhin auch die GmbH als Unternehmensform.

Zum Glück übernimmt meine Krankenkasse alle Kosten der Reiseschutzimpfungen. Das entpflichtet nicht vom eigenen Kostenbewusstsein, außerdem fände ich eine Kaskade eingereichte Rechnung vom Wuppertaler IGeL-Pabst dann irgendwie doch peinlich angesichts der Kostenoptimierungen in sämtlichen anderen Bereichen der Reise. Im Bemühen um Beitragssatzstabilität beherzigte ich also noch spät den Tipp der Solinger Gelbfieberimpstelle a.D. und wechselte noch mal schnell den Arzt. Mittlerweile habe ich Übung.

Koryphäe an der Kanüle in Solingen
Aller guten Dinge sind drei und die Sache ist abschließend schnell erzählt. Mit Dr. Dr. Karl-Heinz „Kalle“ Jacobs traf ich den Arzt für Impfen ohne Schimpfen. Eine Koryphäe an der Kanüle, wettkampfgestählter Weltenbummler und Zehnkämpfer vor der Medizin (und vor dem Medizinstudium). Lumpige 30 € für die einstündige Beratung waren nicht nur eine sehr gute Investition in persönliche Information, sondern auch interessanter als jedes GEO-Jahresabo. Noch dazu biochemisch wie physikalisch lehrreich, streiften wir doch etwa die Kälteresistenz von Tollwutviren (-20°) oder kinetische Energie herabfallender Kokosnüsse (Gewicht x Strecke x Gravitationskontante von ~10 m/s^2 = ganz schnell körperlich problematisch, wenn man drunterliegt). Details entnehmt ihr bald einfach meiner freundlichen Arztbewertung online. Etwa, dass jede weitere Impfung lediglich die Selbstkosten (für den Wirkstoff) bedingt und Termine jederzeit sehr kurzfristig möglich sind.

Sämtliche Impfungen verliefen übrigens ohne Komplikationen, ausgenommen etwas Schmerzen am linken Deltamuskel (und dadurch die entzündungstypisch leicht erhöhten cK-Werte im Blut). Sport-, Nahrungsergänzungsmittelverbot oder andere Formen „strictly prescribed limits“ gab es für die Anschlusstage jeweils nur sehr begrenzt (Auffrischungen) beziehungsweise gar nicht (Reiseimpfungen).

Nur war da dieses leichte Kribbeln am Ende beim Gelbfieber. Geimpft wird ja mit lebendigen Erregern, abweichend zu sonst eigentlich bereits toten Impfstoffen. Vakzinierend…

So, ich muss weg. Melde mich.

Update: unmittelbar nach Abschluss der Erstellung dieses Textes, 6 Tage nach der Gelbfieberimpfung, gab es doch plötzlich noch Schüttelfrost, leichtes Fieber und deutliches Krankheitsgefühl. 2 bis 7 Tage nach der Impfung vermehren sich die Gelbfieber-Erreger im Körper, bis das Immunsystem an- und zuschlägt. Im Ergebnis vermutlich eine eine „multifaktoriell“ bedingte Reaktion, da das Immunsystem infolge der vielen Impfungen der letzen Wochen (und jeder Menge Rotznasen im Büro)  gelitten hat. 48 Stunden nach „Outbreak“ ist es auch schon wieder besser, die Kräfte reichten gerade noch für dieses Update 😉

Reisebericht Reiseblog Reiseblogger Travelblog Traveling Holidays Blog Fotos Bilder Pictures Alf Dahl International Swim Run Climb Hike Single Family Caribian Seychelles Afrika Dubai Japan China Australia New Zealand Germany Deutsch German Tipps Flug

(Visited 61 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.