#NVASOL – Interview mit Angus Farquhar (1)

Unter dem Weihnachtsbaum liegt dieses Jahr nicht nur ein Paket aus der Zukunft, sondern auch der offizielle, 80 Seiten starke Dokumentationsband zu „Speed of Light Ruhr, kurz SOL oder #nvasol. Ihr wisst schon, der Lichterlauf im Ruhrgebiet Anfang Oktober. Eine von der schottischen Kunstorganisation NVA entwickelte Performance, die auf der Interaktion zwischen bewusster Bewegung, Licht und Ton einem definierten natürlichen Raum basiert. Mit dem Ziel – nicht zuletzt durch eine abschließende fotografische und filmische Dokumentation – vertraute Perspektiven einer städtischen und ländlichen Umgebung neu zu betrachten und neu schätzen zu lernen. Teilnehmer, Zuschauer und alle Interessierten waren eingeladen, ihr Lebensumfeld neu zu entdecken. Weiterhin soll das Projekt offenbaren, wie Orte ihre Bewohner formen und von diesen geformt werden.

Im ersten Teil des Interviews spricht der künstlerische Leiter der NVA, Angus Farquhar, mit uns über seinen Alltag bei SOL, die Besonderheiten der Shows, seine Arbeit bei der NVA und das Verhältnis von Kunst zu Kommerzalität (übrigens könnt ihr seine Stimme im Original auch in dem offiziellen Video am Ende dieses Beitrages hören, worin er den kompletten Backgground spricht). Außerdem findet ihr hier im Beitrag erste eingestreut Auszüge aus der Doku. Viel Spaß beim Lesen!

Speed of Light Ruhr Ruhrgebiet Germany Olympia Edinburgh Scotland NVA Documentation Dokumentation Blog Runner Bericht Lightsuit Angus Farquhar Interview Heike Stumpf Alf Dahl

Im Fokus von Speed of Light steht nicht sportliches Heldentum, sondern das gemeinsame Erleben, die gemeinsame Choreografie, der gemeinsame Lauf. Für das Publikum ist Speed of Light ein Stück abstrakter Kunst, bei dem die physische Umgebung der offenen Landschaft wie der architektonischen Denkmäler zu einer Leinwand wird, die eine neue visuelle Sprache übermittelt. Stimungen und Bewegung ausdrückt – bestehend aus Formen, Farben und Linien. Gleichzeitig ist Speed of Light ein monumentales öffentliches Kunstwerk, das überraschend ruhig und nachdenklich wirkt.

Den Veranstaltungsabenden voraus gingen zahlreiche Wochen voller Organisation und Proben voraus, die ich in vergangenen Beiträgen immer mal wieder mit Bildern und Worten begleitet habe. Das Projekt war überdies so zeitintensiv und gleichzeitig wunderschön, dass es im Nachgang sehr schwer fiel, die passenden Worte zu finden. Nicht, das es grundsätzlich an Worten mangelte, als Beispiel hier alleine die Infos zur Musik. Man wird mit Text dem ganzen nur so schwer gerecht. Die Vielzahl und Einzigartigkeit der Eindrücke lässt leicht einen Anfang, aber kaum ein Ende zu.

Auf alle Fälle versuche ich es dennoch mit Fortsetzungen wie dieser: Dem ersten Teil des Interviews mit dem Kreativdirektor und künstlerischen Leiter der NVA, Angus Farquhar. He grew up in Edinburgh, and studied English and Acting in London. In 1989 he returned to Scotland, and has been director of art projects and events at NVA since its founding.

production base herne halde hoheward zeche ruhrgebiet ruhr teams work light suits nvasol blog dahl alf ben dahl

Das Setting

Angus Farquhar treffen wir am Nachmittag des dritten Aufführungsabends in der Production Base auf der Zeche Ewald. Meine RunLeader-Kollegin Heike vom weissen Team begleitet mich. Ihr Englisch (bzw. Schottisch) ist etwas besser als das meine, außerdem hören 4 Ohren mehr als zwei. Und es gilt, das Gespräch später ins Deutsche zu übersetzen, was zu zweit einfach furchtbar viel praktischer ist als alleine, sollten der Originalwortlaut doch einmal Herausforderungen bieten.

Dieser Mann ist er genau das Gegenteil eines unnahbaren und prätentiösen Typen, auch kein nationalistischer Schotte Marke William Wallace, sondern wirklich ein Läufer und Künstler aus Leidenschaft. Seine ganze Energie, sein Charisma und seine Schaffenskraft zieht regelmäßig sämtliche Anwesende in seinen Bann. Eine regelrecht magische Aura umgibt diesen absolut sympathischen Mann, dessen Herz und Kopf und Kraft Speed of Light so maßgeblich entspringt.

Durch die Arbeit im Projekt seit Ende August haben wir uns alle schon ein wenig kennengelernt. Unser erstes Treffen fand in Oberhausen Ende August statt, bei dem wir gemeinsam mit der Ruhr Tourismus, NVA und dem Choreografie-Team als Führungsläufer die ersten Schritte und Formationen in den Lichtanzügen machten. Anschließend stellte sich die Frage: Machen alle weiter? Das zeitliche und körperliche Pensum war schließlich nicht zu unterschätzen. Ausnahmslos alle Teilnehmer der Einführungsrunde sagten zu und blieben dabei. Mitte September folgten die „unplugged„-Proben, im letzten Drittel des Septembers die Generalproben mit allen Läufern sowieso die Aufführungen an insgesamt drei Abenden mit je 2 Choreografien und einem langen Lauf.

Es ist also Samstag, 16:00 Uhr, und wir sind eine Stunde eher als sonst in der Production Base. Normalerweise treffen die Run Leader um spätestens 17:00 Uhr zum Vorbriefing ein, laufen in der Regel die Choreographien des Abends ab, begrüßen ab 17:30 Uhr ihre Gruppen, re-briefen sie, sind beim Einstieg in die Lightsuites behilflich, und halten die Gruppen zum Start in die Proben bzw. Shows zusammen.

Wir stzen uns gemeinsam in einen freien, ruhigen Raum in der oberen Etage der Zeche. Alle entspannt und sportlich gekleidet, Heike und ich bereits in langen schwarzen Sachen, so wie wir sie abends für die Performances stets tragen. Raum, Tisch und die Becher vor uns mit Mineralwasser sind strahlend weiß, draußen scheint die Sonne, schon seit den letzten Wochen haben wir großes Glück mit dem Wetter.

Unser Gespräch beginnt mit einem Blick auf mein Smartphone: Peter Buchanan hat meine Freundschaftsanfrage bei Facebook bestätigt. Peter ist ebenfalls aus Schottland, und ein guter Freund von Angus. Nicht nur, dass er ein wirklich ausgezeichneter Sportler ist (PB 5K 19:27, 10k 35:27, HM 79:19, M 2:57:01), nein, überdies bloggt er ausdauernd unter http:// bestpartday.blogspot.co.uk . Beim Blick auf den Blog erinnere ich mich selbst an die Jahre 2005-2007, in denen ich anfang ebenfalls Googles damalige Blogplatform unter blogger.com nutzte.

Zum Aufwärmen verleihe ich meiner Freude über die Kontaktbestätigung Ausdruck. Peter und ich kennen uns zwar nicht persönlich, doch uns verbinden Blogs und Speed of Light. Dafür ist er auch schon mal mit Angus beim Halbmarathon unterwegs. Überhaupt sind die beiden gut befreundet, und Angus ist ein großer Fan von Peters Blog: „Ein echter Einblick in die Welt eines Athleten. Zwar „nur“ ein ein Amateur, doch dafür mit um so mehr Passion und künstlerischem Ausdruck und Background. Peter ist Fotograf, und nutzt seine Kamera, um seine Erlebnisse während des Laufes zu dokumentieren. Das Laufen und Fotografieren hat quasi von ihm Besitz ergriffen, es ist zu seinem Way of Life geworden. Mir gefällt sein Stil wirklich sehr. Ein echt interessanter Mensch.“ Angus weiß eben, was gut ist, und ich bewundere diesen Mann in diesem Moment noch ein bisschen mehr. Sein Way ist nicht minder spektakulär, sportlich und kreativ bloggt er selbst als der Grim Runner.

Art Project SOL nvasol twitter pictures press interview Angus Farquhar Blog Blogger The Grim Runner Dahl Stumpf Tafel Kisic Rompel
Start des Interviews

Angus, zunächst einmal ein ganz großes Dankeschön für die Möglichkeit des persönlichen Gesprächs. Wir möchten gern heute für unsere Leser die Möglichkeit schaffen, mehr Hintergrundinfos über das Projekt und den Schaffensprozess zu bekommen. Dafür haben wir eine ganze Menge Fragen mitgebracht 😉 Let´s start:

Wie sieht Dein typischer Arbeitstag „on site“ hier während der Produkion bzw. bei der NVA in Schottland aus?

Hier in der Produktion unterscheidet sich der Arbeitsalltag erheblich vom normalen Arbeitsalltag in Schottland. Am Morgen starte ich mit einer Tasse Tee in den Tag. In der ersten Zeit habe ich danach 45 bis 60 Minuten Yoga genossen. Mit dem zunehmenden Druck in der Produktion ist das allerdings auf der Strecke geblieben. Anschließend Frühstück und Eis für Fuß, Ferse und Schulter, komplett die linke Seite meines Körpers 20 Minuten lang. Momentan der einzige Weg, der es mir ermöglicht, überhaupt weiter zu laufen.

Im Anschluss arbeite ich noch im Hotel oder vor Ort „on location“ zusammen mit Wiebke Rompel und Pipo Tafel an den Choreograophien: Wir stimmen uns ab und machen Korrekturen an den Mustern und Figuren, die die Lichtläufer später in den Performances vor dem Publikum laufen werden. Basis sind unsere unmittelbaren Erfahrungen aus den Proben oder Aufführungen des Vortages.

Sobald wir klar sind, kümmere ich mich für rund eine Stunde um E-Mails für meine anderen Projekte. Anschließend geht es gemeinsam mit unserem Licht-Designer Phil Supple und dem restlichen Choreographen-Team hier in der Production Base in die abschließendeAbstimmungen für den Tag (Anmerkung: Phil is „master of light“ at Speed of Light. He grew up in Croydon, South London, and studied Architecture at Newcastle University. Two decades later, he is a lighting designer specialising in outdoor projects. Speed of Light has been his third project with NVA).

Meist ist es dann schon Zeit für´s Mittagessen und ein paar Notizen, gefolgt vom einem weiteren gut einstündigen Treffen des Führungskreises (Anmerkung: HoDs – Head of Departments) ab 14:00 Uhr und weiterer Gespräche im Team. Heute Nachmittag bin ich kurz verschwunden, um für meine Kinder einige Geschenke zu besorgen, anschließend schnell wieder hierher für dieses Interview 😉 Abschluss des Nachmittages ist dann die Ansprache an alle Läufer für den jeweiligen Abend. Im Gegensatz zur frühen Phase der Produktion ist es gegenwärtig ein klein wenig entspannter für mich. Das meiste läuft, so dass ich auch mal eine Stunde am Nachmittag frei und für mich habe.

Wie geht es am Abend weiter? Wie aktiv bist Du an den Sets der Shows?

Ich bin vor Ort und schaue mit die Choreografien der Lichtläufer natürlich an. Doch ich klinke mich nach Möglichkeit nicht aktiv in den Funk mit ein, versuche, die Sache nicht zu kommentieren, um die Leute nicht verrückt zu machen. Ich wäre zu angespannt, und ich halte es für zweckdienlicher, wenn sich ein Kreativdirektor an diesem Punkt der Produktion heraushält. Das überlassse ich Phil und Ivana Kisic als ausführende Choreographen für das Licht und die Läufer. Nur, wenn ich ausnahmsweise etwas sehe, was ich natürlich unbedingt kommentieren muss, dann (fängt an, überzeichnet herrisch irreAnweisungen zu zischen, Lichtblitze zucken aus seinen Händen, lacht)…

Es gab hier Abende, nach denen Abschluss ich wirklich gut und glücklich schlafen konnte.An anderen Abenden war die Anspannung ausgesprochen groß. Es ist immer ein bisschen abhängig von meinem Gefühl, wie es insgesamt lief. Und zur Beobachterrolle kommen über die Shows ja immer auch noch die langen Läufe, die ich zusammen mit allen 120 Lichtläufern unternehme. Dieser Teil fühlt sich für mich jedes Mal großartig an. Alles zusammengenommen, die passive Beobachterrolle und damit die Spannung plus die physischen Herausforderungen über alle Läufe strengen auf eine ganz elementare Art und Weise an, bringen mich ein bisschen an eine Art Nullpunkt. Doch das möchte ich einfach nicht missen. Zuletzt gibt´s hier beim abendlichen Zusammenkommen mit allen Läufern vielleicht noch 1 oder 2 Bier zum Abschluss – fertig, richtig fertig (schmunzelt).

SOL Ruhr NVASOL Speed of Light France Tour de France NVA Angus Pipo Tafel Wiebke Rompel Germany Deutschland

Und im Gegensatz dazu Deine Arbeit bei NVA in Schottland?

Die Arbeit dort unterscheidet sich enorm hier zum Set. Eine sehr vielfältige Mischung. Manchmal kümmere ich mich um die Akquise finanzieller Mittel (Anmerkung: NVA ist eine schottische Künstlerorganisation, deren Arbeit zum Teil durch Spendengelder und die Beteiligung von Stiftungen und Trusts finanziert wird). Es gibt eigentlich nicht „den“ typischen Tag dort. Zum Beispiel, wenn ich jetzt nach Abschluss von SOL zurückkehre, geht´s erst einmal in einen Besprechungsmarathon, zu 3 bis 4 völlig unterschiedlicher Shows. Wirklich sehr große Produktionen und Projekte mit einem enormen Budget von rund 5 Millionen Pfund, die einfach auch eine enorm lange Planungs- und Vorbereitungszeit mitbringen. Beispielsweise unsere Arbeit zum Wiederaufbau eines kulturell sehrbedeutsamen, zuletzt jedoch verfallenen Gebäudes, St. Peters Seminary in Glasgow.

Bei einem solchen Projekt und Volumen spielen natürlich auch Businesspläne und überhaupt finanzielle, personelle und organisatorische Planungen eine enorme Rolle, nicht zu reden von der „architektonischen“ und künstlerischen Arbeit darin. Außerdem geht es um die Fortsetzung und Weiterentwicklung von SOL. Dafür sind viele, viele Gespräche mit Offiziellen notwendig, viele Besichtigungen und Begehungen möglicher Locations.

Insgesamt ist dieses Jahr ziemlich hart und anstrengend. Eine Entwicklung, die sich in den vergangenen Jahren langsam aufgebaut hat. Schon in den Jahren zuvor war die Arbeit mit NVA immer intensiv, mittlerweile sind es nur mehrere Projekte gleichzeitig im Jahr, das ist zu spüren. Ich akzeptiere das. Momentan befindet sich die Wirtschaft in einer Rezession, und als NVA sind wir wirklich gut aufgestellt und ausgelastet. Eine glückliche Situation, trotz bzw. gerade wegen der vielen Arbeit für uns. Und dann noch in einem solchen Umfeld, mit einer solchen Größe, solcher Kunst – wer hat schon so eine Arbeit? Das ist einfach eine große Erfüllung. Komme, was wolle.

Ist SOL das „Hauptprojekt“ der NVA, oder gibt es Vergleichbares oder gar noch größere Engagements?

Nein, SOL ist zwar die erfolgreichste und öffentlichkeitsstärkste Show, doch die meisten anderen Projekte von NVA sind dauerhaft angelegt. Sie haben nicht den in sich abgeschlossenen, einmaligen Charakter von SOL.

Vor SOL habe ich 10 Jahre zunächst ausschließlich in Schottland gearbeitet. Meine Kinder waren damals noch klein. Dann, in den 90ern, habe ich innerhalb der kreativen Arbeit mit Touren begonnen, zu Beginn jedoch zunächst in sehr kleinem Rahmen. Ich erinnere mich, zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung getroffen zu haben, mich in der Arbeit auf Naturlandschaften zu konzentrieren. Eine ganz spezielle und besondere Art der Arbeit, über sehr lange Zeiträume innerhalb einer Location, einer Landschaft. Das war ein ganz wichtiger Meilenstein zur Entwicklung des speziellen Grundverständnisses von NVA, zur Art, wie wir die Menschen ansprechen und in Beziehung zur Kunst setzen. Diese soziale, ethische und ganz grundlegende Seite unserer Arbeit. Diese Zeit und die Arbeit in diesem Umfeld hat uns dabei sehr geholfen.

Danach haben wir beispielsweise einige große Lichtkunst-Festivals ausgerichtet. Eine kommerziell orientierte Arbeit gegen Bezahlung. Lässt sich sicher machen, ist aber nicht unbedingt das, worauf die NVA unter einem kreativen und künstlerischen Aspekt ausgerichtet ist. Um ganz ehrlich zu sei, am Ende dieser Veranstaltungen war ich ein wenig frustriert. Ich bin ein Kämpfer für die Kunst. Mein Kampf gilt der Güte, Die Menschen sollen etwas Besonders erwarten dürfen, etwas wirklich sehr Gutes. Es soll frei sein von kommerziellen Absichten, solchen Sachen, das mag ich wirklich überhaupt nicht. Diese Festivals erfüllten mich einfach nicht. Die Veranstalter, für die wir im Auftrag arbeiteten, wollten einfach nur ein paar „Basics„. Das steht meinem eigenen Verständnis und Anspruch der gerne auch harten Arbeit für ein tolles Ergebnis diametral entgegen. Um so mehr genieße ich es deshalb heute, auf alle Aspekte selbst Einfluss nehmen zu können, die komplette kreative Kontrolle über unsere Arbeit bei der NVA zu haben.

Die Reaktionen der Öffentlichkeit auf SOL sind ausgesprochen positiv, ja begeistert. Ist es für Dich nicht vorstellbar, die Dimensionen zu erweitern? Möglicherweise dafür in Verbindung mit kommerziellen Aspekten?

Das, was ich tue, tue ich nicht, um reich zu werden. Natürlich könnten wir beispielsweise SOL aggressiver vermarkten, mehr Shows anbieten, mehr Publikum mobilisieren, die Sache kommerzialisieren. Doch so, wie es ist, ist es gut: Ich bin wirklich zufrieden mit meinem Leben. NVA ist Charity, eine auf Spendenbasis geführte Künstlerorganisation. Ob wir nun einmal SOL pro Jahr veranstalten, zwei oder fünfmal – es änderte finanziell nicht viel für mich. Dieser kommerzielle Gedanke ist uns einfach fremd.

Ich bin einfach der Überzeugung, dass, wenn man etwas des Geldes wegen tut, das Ende eigentlich schon relativ schnell absehbar ist. Die Passion und Motivation schmilzt schnell. Unser Ideal ist anders, es ist aus der puren und tiefen Überzeugung geboren, Kunst für die breite Öffentlichkeit zu bieten. Finanziert durch öffentliche Gelder. Gemacht durch und für die Gesellschaft. Kostenfrei für alle, kostendeckend für uns. Sehr demokratisch für mein Empfinden.

Rehearsal Proben Ruhrgebiet Ruhr Speed of Light SOLRuhr Light Running Emscher Landschaftspark

Es gibt doch sicher zahlreiche Anfragen und Angebote zur Aufführung von SOL. Wie schwer fällt die Auswahl der Spielorte bzw. Länder?

Die Angebote sind das eine, aber SOL ist auch nicht ganz billig. Natürlich richten sich die Kosten nach dem geplanten Umfang, als Basis sind jedoch bereits 200.000 bis 300.000 Euro einzukalkulieren. SOL Ruhr liegt nochmals deutlich darüber, einfach aufgrund der schieren Größe. Das schränkt den Kreis potentieller Aufführungen natürlich zunächst etwas ein, da diese Gelder ja auch von unseren Partnern bzw. über Förderer wie Länder und Ministerien aufgebracht werden müssen. Gewissermaßen ist das eine natürliche Auslese für die Frequenz der Shows. Außerdem sind schon aufgrund der Größe und Komplexität inklusive aller Vor- und Nachbereitungen kapazitiv nicht mehr als 1 bis 2 Aufführungen pro Jahr möglich. Das künstlerische Konzept sieht ja auch kein fertiges Produkt von der Stange vor, sondern SOL wird individuell mit unseren Partnern auf die jeweiligen Spielorte und Umfänge entwickelt, keine Performance und kein Land gleicht dem anderen. Olympia, Edinburgh, Salford, Yokohama, Ruhr – alle unterschiedlich, auch seitens der Budgets.

Christina Armstrong macht mit dem Team zusammen regelmäßig wirklich einen sehr guten Job bei der Organisation von SOL. Sie hegt und pflegt die guten Kontakte, die für die Zusammenarbeit einfach unverzichtbar sind. Organisiert die ganzen Begehungen der Locations, die wir für die Entwicklung des Konzept und Auswahl für die späteren Proben und Shows unbedingt benötigen. Gerade diese Spielorte werden sorgfältig ausgesucht. Alleine hier bei SOL Ruhr gab es drei Besuche im Vorfeld, an denen wir uns potentielle Orte angeschaut haben.

Das bedeutet alles zusammengenommen einfach eine enorme Menge an Planungen, um es am Ende leicht und einfach aussehen zu lassen. Je einfacher und leichter es am Ende für das Publikum aussieht, desto härter haben wir alle dafür gearbeitet, jedes Detail geplant. Da sage ich Dir bestimmt nichts Neues (lacht). Am Ende soll das Publikum einfach das gute Gefühl haben, dass es hervorragend inszeniert und produziert wurde. Einfach „gut gemacht“. Berührt sein, bewegt sein, es in Erinnerung behalten.

Vergleichen wir es mal mit einem Feuerwerk: Der Veranstalter nimmt vielleicht 50.000 Euro in die Hand. Die Menschen genießen es, Aaahhs und Ooooohs überall. Anschließend gehen sie nach Hause, und haben das Feuerwerk schnell wieder vergessen. Es ist meist einfach nur für den Moment. Feuerwerke sind nichts wirklich Neues, sie kommen immer wieder. Und wo das Feuerwerk vielleicht an sich auch noch spektakulär sein kann, würde ich nicht sagen, dass wir mit SOL eine _spektakuläre_ Show bieten. Das ist nicht, was wir wollen. Es soll eher einen monumentalen Charakter haben. Es geht in den entwickelten Bildern der Shows nicht wirklich um optische Gefälligkeit oder malerische Schönheit simpler Bilder, so wie sie die Raketen an den Himmel malen. Sondern um die Gedanken hinter dem Sichtbaren, Interaktion mit Intervention. Das Publikum soll innehalten und sich fragen, wie diese Bilder plötzlich zustande kommen. Welche Rolle die Menschen darin spielen. Und wie und welche Muster fließen. Das hat einfach mehr Tiefe und geht weit über das rein Visuelle hinaus.

Steckt eine Botschaft dahinter?

Ja, aber sie ist sehr offen und sehr abhängig von den verschiedenen Veranstaltungsorten. Nehmen wir zum Beispiel die Kokerei Hansa. Eine sehr eigentümliche Atmosphäre dort (Anmerkung: Die Kokerei Hansa war nicht Teil der 6 öffentlichen SOL-Shows, sondern wurde am 01. Oktober für eine besondere Aufführung vor der Presse genutzt – und ist Angus Farquhars Favorit von allen Locations). Dir ist nicht entgangen, dass die Musik zur Show dort ziemlich „heavy“ war. Das brachte ein bisschen den Geist der ursprünglichen Industrie und der schweren Maschinen dieser Zeit zurück und schaffte eine Verbindung zwischen Gelände und Inszenierung. Ganz ähnlich machen wir es in Duisburg, beim Finale. Hier geht es um Geradlinigkeit, wir beziehen die gitterartige Struktur des Baumbestandes des Landschaftschaftsparkes in die Choreographien mit ein, um zum Abschluß in der Bunker-Sequenz eine Allerogie auf die Suche der Menscheit zu versinnbildlichen: Der größte Schatz von uns Menschen ist unser Zusammenhalt, unser Miteinander und unsere unsere Kooperation. Finden wir am Ende Freiheit? Diese Frage lösen wir am Ende ganz bewusst nicht auf, sondern geben sie den Menschen mit.

Die Spielorte dazwischen, etwa auf der Halde Hoheward, der Jahrhunderthalle in Bochum oder dem Platz der Guten Hoffnung am Centro, sind im Vergleich leichter, sphärischer. Eine Ausnahme ist hier das Weltkulturerbe Zollverein, das durch die Komplexität der gelaufenen Muster und dem notwenigen Maß an Perfektion der Läufer hervorsticht. Wenn man so will, sind die Botschaften individuell abgestimmt auf die jeweilige Location, und werden durch diese ebenso geprägt wie das Zusammenspiel mit der Musik, dem Lichtdesign, den Figuren der Lichtläufer auf der Spielfläche und letztlich der Athletik, die jeder Aufführung innewohnt.

(Ende von Teil 1 des Interviews, Fortsetzung folgt…)

Speed of Light Ruhr Culture Sports Art Facts stage course light suits sound creative team organisers run leader bunert laufsport runners teams production base SOL nvasol

[youtube=www.youtube.com/watch?v=beJI9AjXqek&feature=em-upload_owner]

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=CH11TJ-5XXA]

(Visited 44 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.