Undercut im Off

Am vergangenen Wochenende ging es zum hippen Hindernislauf nach Hamburg, dem Urbanathlon. Ausdauer, Kraft und Abenteuerlust, ausgelebt in grandioser, städtischer Kulisse. Über 12 bzw. 24 Kilometer, mit mehr als mindestens 1.000 Treppenstufen und 250 Höhenmetern. 4.500 Teilnehmer, ausgebucht nach nur 16 Tagen. Reiner Fun-Run oder doch handfeste, friesisch-herbe Herausforderung ? Konditionell ein Schlag in´s Kontor, lest ihr hier Finishers Fritze´s Fazit:

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Direkt mal zu ersten und letzten Frage: Sportlich lag ich dieses Mal total falsch. Vielleicht stand ich noch zu sehr unter dem Einfluss des Color Run. Doch statt einer Farbparty mit Alibiläufchen war das ein wirklich tougher, langer Lauf mit eingestreuten, echten Hindernissen. Ohne nennenswerte Wartezeiten davor, dafür inmitten oscarverdächtiger Kulisse, umwabert von schwüler Hitze.

Im Ernst, ich habe mich vorher mit der Strecke nicht sonderlich beschäftigt. „Wird schon irgendwie durch den Hafen und die nahe City gehen“, habe ich mir gedacht. Ging es auch, der Hafen in Hamburg ist halt hinsichtlich seiner Dimensionen wirklich Weltklasse, doch des Wettkampfläufers Freund ist er nicht.

Die schnurgeraden und kopfsteinpflasterlastigen Streckenabschnitte entlang der Hauptfahrrinnen riesenhafter Frachtschiffe ziehen sich wie nur was, während einem selbst an einem Sonnentag eine steife Brise entgegenweht. Man kennt das von der Autobahn: Fehlt die Randbebauung und schweift der Blick in der Weite, relativiert dass das Gefühl für´s Tempo. Nur dass man auf der Autobahn wenigstens schnell unterwegs ist. Von meiner Performance beim Urbanathlon kann ich das nicht behaupen.

Und das hatte so seine Gründe. Etwa Übermüdung und Stress. Letzteres glücklicherweise ein Handicap der Kategorie „kein Schaden ohne Nutzen“ beziehungsweise Early-Adopter-Ding. Pro-Tipp: Bucht ruhig Bed & Breakfast, ruhig über eine dieser Web 2.0-Plattformen, aber plant genug Zeit zwischen der Schlüsselübergabe, Bezug der Wohnung und dem Startschuss beim Wettkampf mit ein. Besser einen ganzen Tag. Denn geht etwas schief (Stau, Parkplatzsuche, Verzögerung beim Vermieter) gerät ein halbstündig getakteter Vorbereitungsplan schnell aus dem antrabenden Tritt.

Ergo entfiel der eine oder andere Programmpunkt, darunter der Einsatz der fliegenden Fotodrohne. Maßgeblich fiel sie dem zeitlichen Stress zum Opfer, ein bisschen jedoch den mittags noch herben Wind- und Wetterverhältnissen. Macht nichts, anhand der verbleibenden Bilder könnt ihr euch auch so einen Überblick vom Fischmarkt bis Övelgönne verschaffen. Etwa von der Spitze des Cruise Center Altona, dem Hot Spot des Laufs.

Vor dem Center bzw. in dessen unmittelbarer Nähe befanden sich die fast die Hälfte der 13 Hindernisse, darunter „Happy Dumpster“ (Container erklimmen und hinabspringen), „Truck Torture“ (unter THW-Trucks kriechen), „Monkey Business“ (Hangelei), „Wall Street“ (Holzwände), „Tyrenator“ (Reifenfeld), „Halfpipe“, „Boardwalk“ (Balken über Becken), „Jump & Crawl“ (Drängelgitterkletterei und Röhrenkriecherei), „Traffic Jam“ (Wagendächer“) oder „Sand Bag Attack“ (eine Runde am Strand samt 10 Kilo Sandsack).

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Als Läufer ist man Hindernisse durchaus gewohnt. Rote Ampeln, Lupus familiaris oder Sticheleien der Couchkartoffelfraktion. Sengende Hitze, klirrende Kälte, auf langer Strecke oft kombiniert mit Durst, Hunger, Blase oder Beinen. Sportler mögen das, weil sie wissen, dass aus den Steinen, die im Weg legen, etwas Schönes gebaut werden kann. Gleichzeitig ist das der Leitspruch aller Hindernislaufveranstalter.

Sagen wir mal so: Der StrongmanRun hat definitiv die schöneren Hindernisse. Schöner, weil schmutziger. Aber auch schöner, weil höher, weiter und epischer. Jetzt ist der Hamburger Hafen natürlich nicht der Nürburgring, schon klar. Und Asphalt ist weit weniger tolerant gegenüber Stürzen, was den Aufwand zur Absicherung steigert. Beim Urbanathlon geht man einen Mittelweg: Die Hindernisse sind statt Stars eher Sternchen. Der Streckenverlauf ist mit rund 1.000 Treppenstufen und etwa 250 Höhenmetern auf 12 Kilometern durchaus eine Hausnummer für sich. Die Stationen unterbrechen dann den Rhythmus und ziehen tüchtig Kraft aus dem Körper. Auch wenn sie meistens eine kleine Atempause bei der Ausdauerbelastung bringen, war ich im direkten Anschluss voll aus dem Takt und fand nur mit Mühe wieder in´s Laufen.

Das ist natürlich absolut aim of the game, und bei aller zweckmäßigen Schlichtheit haben die Hindernisse durchaus ihren Reiz. Eine Bretterwand, die man Schmackes anlaufen und erklimmen muss, um anschließend 2 Meter auf das Kopfsteinpflaster hinabzuspringen. Eine rund 3 Meter hohe Halfpipe, die sich nur mit viel Anlauf meistern lässt (und vielleicht zur Not einem Griff an´s Seil oder in die helfenden Hände der Vorkletterer). Oder 10 Metern reiner Hangelei im nackten Gerüstbau, die die Arme zum Zittern bringt.

Ein weiterer Pluspunkt beim Urbanathlon: So gut wie keine Wartezeiten an den Hindernissen. Der Start wird in fünf Blöcken abgewickelt, die mit wenigen Minuten Versatz starten. Bereits bei der Anmeldung wird das Leistungsniveau über die bisherige Bestzeit auf 10 Kilometern abgefragt, so dass sich idealerweise (bei ehrlichen Angaben) die Starter auch im richtigen Block zusammenfinden.

Palo Altona
In der Freien und Hansestadt Hamburg haben die Hipster Hochkonjunktur. Diese subkulturartige gesellschaftliche Gruppierung Jugendlicher und junger Erwachsener der urbanen Mittelschicht steht für eine gewisse Extravaganz, die sich längst der Mainstream der Mittelschicht geliehen hat. „Hipster sind Kuratoren und Kritiker, Remixer und Designer oder eben jene Werbetexter und <Prosumenten>, die im Kielwasser der Künstler segeln“, schreibt Dayna Tortorici, schreibt die NZZ.

Also mit voller Fahrt Kurs auf das Klischee. Tue ich dem Starterfeld doch eigentlich unrecht, denn das gentrifiziert orientierte, junge Großstadtpublik war stilstisch doch eher weniger experimentierfreudig. Zugegeben gab es vereinzelt Undercuts und Vollbärte zu sehen. Außerdem jede Menge schamlos zur Schau getragene Smartphones am Arm, idealerweise mit voller Dröhnunung in ear. Genaugenommen habe ich noch nie so viele verdrahtete Sportler auf einem Haufen gesehen. Doch Ironie, gepaart mit Parodie: Fehlanzeige. Dafür hunderte, tausende Läufer (und ganz wenige Läuferinnen) uniformiert im schwarzen Finisher-Shirt des Veranstalters.

Optisch ließ sich also ein Exempel statuieren: Als Hommage an die Härte des Laufs gönnte ich mir diesmal einen Look, der durchaus als „fetzig“ durchgeht. Letzter Auftritts eines besudelten Shirts, dessen Flecken nicht mehr mit dem regulären Trainingseinsatz vereinbar waren. Schnipp-schnapp, Style ab:

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Um Sperenzchen  auf der Strecke zu vermeiden, habe das Shirt von Anfang an getragen. Also schon in der Sammel- und Warmlaufphase, mitten in der Menge vor dem Cruise Center Altona. Kaum eingecheckt, schon abgecheckt. Verstohlene Blicke überall um mich herum, sie können diese Geschmacksverirrung kaum fassen. Genauso gut hätte ich vermutlich ein Dixieklo zur Verkleidung umfunktionieren können. Ein Tragegefühl ohne Nadel und Faden irgendwo zwischen Mankini und Bernd dem Brot. Über Uniformierung mag man streiten, doch der Mensch bleibt ein Herdentier. Nur mit Kraft konnte ich dermaßen underdressed die Aura textiler Ironie aufrechterhalten.

Straf- und stilerschwerend kam hinzu, dass sich der gemeine Nordländer stimmungstechnisch eher hinter den Blankenesener Bergen hält. Beim Syltlauf gab es ja wenigstens vereinzelt noch Stimmungsnester, dort wo man sich unbeobachtet von den restlichen Insulanern fühlte. Doch im Elbvorort über dem Hafen gilt eher „sehen und gesehen werden“. Aufgrund der vielen Treppen und massiven Höhenunterschiedes von sage und schreibe 88 Metern ist es auch als „Elb d´Huez“ bekannt. Bergziege oder nicht, als Läufer wird man durchaus zur Kenntnis genommen und gemustert, viel mehr aber auch nicht. Ich hatte den Eindruck, dass es nicht zwangsläufig an meinem Shirt lag, da weder vor noch nach mir Jubeln, Ratschen oder Klatschen auszumachen war. So sind sie halt, diese Stadt- und Hindernisläufe. Wobei Venlo und Berlin wirklich zeigen, dass es auch ganz anders geht.

Generell scheinen mir die Hamburger jedoch durchaus ein begeistertes Läufervölkchen zu sein, nur eben nicht am Streckenrand. Davon zeugen Plakate kommender Laufevents (wie das des heroisch herüberkommenden „“Heldenlaufs) wie auch jede Menge den Weg kreuzender urbaner Athleten, die gar nicht beim eigentlichen Urbanathlon mitliefen, sondern nur so für sich.

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Bone Breaker
Undercut hab ich erwähnt, den Cut meines Shirts kennt ihr, jetzt wird es noch mal so richtig, richtig cutty, mit der cut-off-time. Die Aus-die-Maus-Zeit.

Seit der Zeit der Deutschen Hanse zwischen der Mitte des 12. und 17. Jahrhunderts führt der Urbanathlon entlang einer Strecke von immerhin 12 Kilometer. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeigte sich jedoch, dass eine kleine Gruppe der deutschen Laufleute die Länge ihrer Reisen gern ausweiten wollte. Veränderungsprozess in der führenden Rodale-Motor-Presse-Genossenschaft  machten den Weg frei zum „Bone Breaker“. Die doppelte Distanz über zwei Runden ist konditionell seit ihrer Premiere im Jahr 2013 ein echter Schlag ins Kontor.

24 Kilometer, das kann ja eigentlich jeder. Denkt man sich so. Nur ein wenig weiter als ein Halbmarathon, dann noch die Hindernisse, ja Gottchen. Halt ne halbe Stunde bis Stunde länger. Mal lieber ein bisschen Körner lassen in der ersten Runde. Passt schon. Doch es gibt ein einziges, weiteres Hindernis für die Bone Breaker: Ein cut-off bei 01:20 Stunden. Wer in der ersten Runde langsamer ist, wird direkt ins Ziel gelenkt. Wer absehbar in der zweiten Runde langsamer ist, wird noch in der zweiten Runde auf verkürzter Strecke ins Ziel gelenkt.

Es war ein Fehler, ohne Uhr zu starten. Mache ich sonst ganz gerne, da mir nur der Trainingsstand, die Tagesform und die Gesamtdistanz das Tempo diktiert. So jedenfalls habe ich angesichts der Umstände, brennenden Sonne, harten Hindernisse und hunderter Höhenmeter zunehmend Tempo rausnehmen müssen. Zwischenzeitlich sogar überlegt, ob nicht freiwillig auch eine Runde reiche. But a voluntary shortcut finish (VCF) is no option. Und immerhin gab es ab Kilometer 8 auch etwas Wasser.

Es hat trotzdem nicht gereicht. 2 Minuten nach der Aus-die-Maus-Zeit, Messpunkt Hafenparkhaus, ging es in den Zielkanal. Am Ende im oberen Viertel für die 12k-Distanz, im Ergebnis aber durch die gelassenen Reserven für den zweiten Teil steigerungsfähig. Widerrum nur ¼ aller gemeldeten Teilnehmer für die Doppeldistanz haben es überhaupt in die zweite Runde geschafft – Respekt für alle, die abschließend (ohne Abkürzung) ins Ziel kamen. Der Bone Breaker ist mit dieser cut-off-time-Regelung nochmals eine Herausforderung innerhalb der Herausforderung.

Finishers Fritze frisches Fazit
Im Ziel wurde der alte Fischhafen mit Medaillen, frischem Obst und jeder Menge Jever fruchtig und friesisch herb zum Finisherhafen umfunktioniert. Das  abschließende „Festival“ auf dem Gelände des Cruise Centers bot somit eine gute Gelegenheit zur Regeneration. Statt Fisherman´s Friends gab es Aufmerksamkeiten von Braun, Debitel, Men´s Health, Tamron und der Techniker Krankenkasse.

Danke dafür, doch ein wenig weniger Werbung wäre vielleicht mehr. Sicher geht es aufgrund der Kosten für Straßensperrungen, Sicherheitspersonal und Werbung nicht anders bei größeren Cityläufen, doch ein Konzept etwa wie beim Metro-Marathon in Düsseldorf, wo maßgeblich auf ein oder zwei große Sponsoren gesetzt wird, finde ich werbewirksamer und effektiver für den Sponsor, außerdem angenehmer für die Teilnehmer und Besucher.

Ansonsten gebühren die letzten Worte der Hansestadt, die am restlichen Wochenende noch ein überragendes Ausflugsprogramm bot. Sehr empfehlenswert (und sehr preisgünstig) ist die Fahrt mit den Hafenfähren, die im Hafen und entlang der Elbe verkehren. Überhaupt ist der ÖPNV in Hamburg einfach ein Knaller hinsichtlich Verfügbarkeit, Preis und Leistung.

Mit einem Tagesticket fahren zum Beispiel bis zu 5 Personen für lumpige (wie passend) 10,40 Euro den ganzen Tag so viel ÖPNV einschliesslich Hafenfähre, wie sie wollen. Inklusive (selfmade-) Besichtigungstour der Landungsbrücken, die Blohm & Voss Schiffswerft oder so lauschiger Eckchen wie Wedel, Teufelsbrück oder die Schiffsbegrüßungsanlage elbaufwärts. Tipp: Im Museumshafen Övelgönne wird nicht nur nahe des Hafens mit der Linie 62 gelandet, sondern auch das beste Fischbrötchen weit und breit kredenzt. Bei der Gelegenheit hatten wir gleich noch bei Google die Elbkate als Ingress-Portal eingereicht, doch das ist eine andere Geschichte…

Finishers Fritze´s Fazit: Kein Wunder, dass der Lauf innerhalb von 16 Stunden nach Anmeldestart ausgebucht war. Es mag nicht unbedingt der eigentlichen Veranstaltung geschuldet sein, sondern dem Gesamtpaket. Vielleicht lernen die Deichkinder und Nordlichter noch das Jubeln. An fittem und feschen Läufern fehlt es in Hamburg jedenfalls nicht.

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(Verlinkungen im Text folgen am Wochenende…)

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