Das Herzinfarkt-Risiko im Ausdauersport

Ausdauersportler mit intensiven Belastungsintensitäten von 3 Stunden ab aufwärts – im Training oder Wettkampf – sind einem wesentlich erhöhten Herzinfarktrisiko ausgesetzt. Paradox: Außerhalb dessen ist ihr Risiko nur halb so hoch wie das eines Nichtsportlers.

1 zu 50.000
Als Teilnehmer eines Marathons (oder in vergleichbaren Belastung wie Triathlon oder Radrennen) mit einer Belastungsdauer von 3 Stunden oder mehr ist das Risiko, eine akute Herzattacke oder Herztod zu erleiden, innerhalb des Wettkampfes (plus Folgezeitraum von 24 Stunden) bis zu 7 x Mal höher im Vergleich zum Ruhezustand. Im Durchschnitt beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Vorfalles 1:50.000¹ .

Das ist höher als das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz tödlich zu verunglücken, jedoch (je nach Erhebung) deutlich geringer als das Risiko eines Belastungs-EGK beim Hausarzt (mit 1:20.000³). Andererseits: Menschen, die sich so gut wie nie körperlich belasten, haben ein bis zu 50 x höheres Herzinfarkt-Risiko gegenüber Aktiven, die fünfmal oder öfter pro Woche trainieren³.

Todesfall beim Wuppertaler Zuckerspiel
Das Thema treibt mich um. Beim Zuckerspiel im heimischen Burgholz gab es vor wenigen Tagen einen tragischen Todesfall. Ein 56 Jahre alter, sehr erfahrener Marathonläufer (mit mehr als 100 Finishs) ist auf der Strecke zusammengebrochen, und im nahegelegenen Krankenhaus verstorben. Die Helfer vor Ort waren erfahren und direkt zur Stelle. Doch am Ende hat es nicht geholfen, sein Leben war nicht zu retten. Ein Läufer, der ganz sicher ein gutes Körpergefühl mit den Jahren erworben hat. Sich nichts mehr beweisen musste, und bei der Strecke bestimmt um die (nicht unerheblichen) Anforderungen wusste.

Die 800 Höhenmeter sind garantiert kein Zuckerschlecken auf der Distanz von 21,1 Kilometer. Keine bestzeittaugliche, flache Strecke, sondern Trail-Anleihen, Natur pur und viel Abwechslung für´s Auge und unter den Schuhen. Weg von knallroten Köpfen, stickiger Straßenhatz der Massen auf langen Geraden in den Städten, hin zum (anspruchsvolleren) Genusslauf im kleineren Läuferkreis, auf Serpentinen durchs Naturschutzgebiet. Es sind auch keine drei Stunden, die man für den Lauf braucht – schließlich ist es „nur“ ein Halbmarathon. Fraglich, ob das zu Beginn dieses Beitrages genannte Risiko hier überhaupt anlegbar ist. Überhaupt verbietet sich bei konkreter Unmittelbarkeit jeder Vergleich mit der Statistik. Der Todesfall macht mich sehr betroffen, meine Gedanken sind bei der Familie und den Angehörigen des Verstorbenen, den Helfern und Veranstaltern.

Haftungsfreistellung der Veranstalter
Veranstalter lassen sich aus gutem Grund Haftungsfreistellungen unterschreiben, in denen die Läufer bestätigen, gesundheitlich in der Lage zu sein, den Lauf zu absolvieren. Idealerweise gekoppelt vorab mit einem PAPS-Test. Größere Laufveranstaltungen bieten im Rahmen des Begleitprogramms, zum Beispiel einer Marathon-Messe, medizinischen Service an. Beim Berlin-Marathon gab es einen großen Bereich, in dem man sich mit medizinischen Experten intensiv besprechen konnte, teils mit diagnostischen Angeboten.

Die Veranstalter sind verständlicherweise daran interessiert, dass nur gesunde Läufer an den Start gehen. Natürlich zählt in erster Linie die Selbstverantwortung. Ignoriere ich Erkrankungen oder Symptome, nehme ich Vorsorgen oder Untersuchungen nicht wahr, wird die Sache zum Vabanque-Spiel. Ausdauersportler kennen grundsätzlich die Risiken. Es steht häufig im Kampf mit der Motivation. Marathon ist pure Disziplin und maßgeblich Wille, und die Läufer neigen manchmal dazu, die Zeichen der Zeit zu ignorieren. Geist und Körper zu disziplinieren, sich das DNF einfach wegzuwünschen.

Dieser ganze Abschnitt bezieht sich nicht auf Wuppertal. Nicht auf den Berlin-Halbmarathon Anfang April, ebenfalls mit dem Tod eines 25-jährigen. Nicht auf Tel-Aviv im März, wo ebenfalls ein Läufer bei Hitze tot zusammengebrochen ist. Ich spreche nur aus der eigenen Erfahrung. Das Risiko zu kennen, die Symptome zu spüren, die Angebote nicht zu nutzen, und trotzdem krank am Start zu stehen. Ich würde es (nach den Erfahrungen beim Berlin-Marathon 2011) nicht wieder tun. Es vernichtet jede Ziel-Zeit und lädt den Tod zum Mitlaufen ein. Das Risiko ist auch ohne Fiebe, Husten und laufender Nase hoch genug:

Alle in einem Boot
Die Wahrheit ist, dass Marathonläufer, Ironmen, Langstreckenradfahrer, Schwimmer, Ruderer und Skifahrer alle in einem Boot sitzen. Ihr Sterblichkeitsrisiko im Fall von ab drei Stunden intensiver Ausdauerbelastungen  aufwärts (und bis zu 24 Stunden im Anschluss) liegt ungefähr gleichauf mit einem unsportlichen und chronisch starken Raucher, der 24 Stunden mit Chips vor dem Fernseher verbringt.

Der genaue Grund für diese geradezu paradoxe Ungerechtigkeit der Natur ist noch nicht hundertprozentig geklärt, doch diese Aussichten sind ganz sicher beunruhigend für alle diejenigen Sportler, die sich von der Sache eigentlich eine gesundheitsfördernde kardiovaskuläre Verbesserung versprechen. 60.000 Menschen sterben in Deutschland jährlich an einem Herzinfarkt. Sportler sind dabei unterrepräsentiert, gleichwohl wie beschrieben erhöht gefärdet. Warum?

Studie beim Ötztaler Radmarathon
Um der Sache auf den Grund zu gehen, banden Mediziner der Universität von Innsbruck in Österreich im Jahr 1999 38 Teilnehmer des anspruchsvollen Ötztaler Radmarathons (über 230 Kilometer und 5.500 Höhenmeter) in eine Studie ein. Die Belastungsintensität in diesem Wettkampf liegt ungefähr gleichauf mit einer der härtesten Etappen der Tour de france².

Alle dieser Teilnehmer waren erfahrene, hervorragend trainierte Radfahrer ohne cardiovaskuläre Risikofahrten und Anzeichen von Herzproblemen. Besonders interessiert waren die Mediziner an der Aufzeichnung der Entwicklung spezieller Enzyme im Blut, Troponin I, einem der sensibelsten spezifischen Marker zwecks Erkennung von Herzschmerz.

Zu Beginn des Rennens befand sich das gemessene Troponin bei allen Teilnehmern bei Null. Im Ziel allerdings wurde bei 34 % aller Teilnehmer, 13 von 38, ein signifikant erhöhter Wert gemessen. Als Risikofaktoren für einen Anstieg machten die Forscher folgende Kriterien aus:

• Alter: Niedrige Alter waren gefährdeter (erhöhter Wert)
• Zielzeit: Höheres Tempo gefährdeter (höchster Wert bei Siegerzeit)
• Training: Höheres Volumina gefährdeter

Zusammengefasst wiesen genau die jüngsten, fittesten und am härtesten trainierenden Athleten das höchste Risiko auf, gemessen auf Basis der gemessenen, erhöhten Troponin I Marker.

Warum?
Die Ergebnisse der Studie beschreiben nur ein Resultat, nicht dessen eigentliche Ursache. Warum steigt die Konzentration des Troponins überhaupt an?

Den Thesen der Forscher zufolge erlitten einige der Teilnehmer in der Studie subklinisch kardiale Verletzungen des Herzmuskelgewebes. Infolge dessen stieg die Menge des Enzyms als Indikator an. Was widerrum die Frage aufwirft, weshalb das Gewebe aufgrund der intensiven und ausdauernden Belastung Schaden nimmt.

Eine häufig zitierte Therorie verortet den Grund im Anstieg der in der Nebenniere gebildeten Hormone Adrenalin bzw. Noradrenalin. Im weiteren Verlauf führe dies wohlmöglich zu einer Verengung der Herzkranzgefäße. Also quasi Zelltod ab einem gewissen Level bei Länge und Intensität?

In der Tat ist Troponin I bei gesunden Menschen im Ruhezustand nicht nachweisbar. Sondern in der Regel bei denjenigen, die einen Herzinfarkt, eine Herzinsuffizienz oder Myokarditis (Entzündung des Herzmuskels) erlitten haben. Je höher der gemessene Wert im Blut, desto schlechter die Prognose.

Eigentlich sind das ziemlich düstere Aussichten. Doch gibt es wirklich Beweise afür, dass die Struktur des Herzens aufgrund der außerordentlichen Belastungen Schaden nimmt? Überzeugend verneinen lässt sich das auf Basis von weiteren Untersuchungen nicht: Eine Studie der Finisher beim Ironman in Hawaii stellte fest, dass 9% der Teilnehmer einen erhöhten Troponin-Wert aufwiesen, und eben jene Personen Abweichungen zum Zustand eines gesunden Menschen bei einer echokardiographischen Analyse aufwiesen³. Eine weitere Untersuchung diagnostizierte bei 11% der Finisher eines alpinen Marathons erhöhte Werte.

Doch ist dieser Anstieg wirklich so kritisch und konkreter Wegbereiter des Risikos, einen Herzinfarkt oder den Herztod zu erleiden? Könnten die verlorenen Zellen durch das Nachwachsen gesunden Gewebes im Zuge der Regeneration nicht ersetzt werden, steigt das Risiko mit der Zeit?

Diese zentralen Fragen sind für die Medizin noch immer schwer zu beantworten. Es fehlt noch an Studien,, die das Herzgewebe histologisch untersuchen, d. h. mit Elektrokardiogramm (EKG) und Echokardiogramm über einen längeren Folgezeitraum mit Ruhe- und erneuten Belastungsphasen.

Als Ergebnis ihrer Ötztal-Studie empfahlen die Forscher intensiv trainierenden und agierenden Athleten, in regelmäßigen Abständen wiederholt Herz-Kreislauf-Untersuchungen vornehmen zu lassen, und dabei insbesondere subtilen Hinweisen für myokardiale Fehlfunktionen nachzuspüren.

Gute Nachrichten
Zugegeben, das klingt alles dramatisch. Todesfälle bei Wettkämpfen sind für Außenstehende schnell auch Anlass, sich (oder den Aktiven) gegenüber bestätigt zu wissen, dass Sport ja schon immer Mord war. Das kommt davon. Das kann doch nicht gesund sein. Wie die schon schnaufen. Die sind doch alle süchtig.

In diesem Moment vergisst man, dass jährlich 60.000 Menschen an Herzinfarkten sterben. Sport und Bewegung ist und bleibt der wichtigste Präventionsfaktor. Wöchentlich wiederholt körperlich aktive Menschen senken ihr Herzinfarktrisiko um die Hälfte. Damit ist nicht zwangsläufig nur Gartenarbeit gemeint. Sesshafte sind wesentlich gefährderter als Sportler. Und am Ende sind so einfache Erklärungen für Außenstehende natürlich auch ganz bequem, um „no sports“ vor sich selbst zu rechtfertigen. Überhaupt, in diesem Beitrag ist natürlich nur die Rede von wirklich intensiven und langen Ausdauerbelastungen, denen sich selbst Marathonläufer eher selten pro Jahr aussetzen. Viel häufiger dürften anderswo Abende auf der Couch mit Chipos & Co vorkommen…

Grundsätzlich ist ein Zwischenfall, der im Rahmen eines Wettkampfes stattfindet, auch stets ein „nennenswertes Ereignis“ für die Presse. Bricht ein Mensch am Arbeitsplatz, in seiner Freizeit oder beim Lauftraining im Wald zusammen, ist das mit Sicherheit kein Anlass für die Prese. Doch das kommt häufig vor. Körperlich aktive Menschen in Summe allerdings erwiesenermaßen wesentlich seltener einen Herzinfarkt.

Menschen haben gesundheitliche Probleme. Menschen sterben. Ausdauersportler neigen nicht unbedingt dazu, zu meinen, ihre Lebenserwartung läge signifikant höher als die des Nichtsportlers (wenn überhaupt höher). Auch wenn sportliche Ziele häufig omnipräsent sind, eint sie doch nur „das gute Gefühl dabei“, der Lebensstil, das gute Körpergefühl und die Erkenntnis, dass das Weg eigentlich das Ziel ist. Sportler sind im Schnitt gesünder, leben achtsamer, erkranken und sterben aber genauso wie andere Menschen.

Einer Vielzahl von abweichenden Studien ist es bis heute nicht gelungen, nachzuweisen, dass auch extreme körperliche Belastungen einen negativen Einfluss auf das Herz hätten. Sportmedizinische Spezialisten der Universität Kaliforniens etwa checkten 23 Ultramarathonläufer, die den 150 Kilometer langen Western States Endurance Run abschlossen. Ein sehr robuster Lauf quer durch die Berge der Sierra, über steiles Gelände und mit extremen Temperaturen.

Die 23 Läufer im Alter zwischen 29 und 65 Jahren haben das Rennen in durchschnittlich 23,5 Stunden bewältigt. Keiner davon wies Vorerkrankungen des Herzens auf. Alle Probanden erlitten jedoch nachweisbare Schäden der skeletären Muskulatur aufgrund des Wettkampfes, aufgrund stark erhöhten Kreatin Kinase Konzentrationen. Bei keinem einzigen Läufer waren erhöhtes Troponin nachweisbar.

(Fortsetzung mit Fazit in den nächsten Tagen…)

Quellennachweise
(1) Journal of the American College of Cardiology, Ausgabe 28, Seiten 428-431, 1996
(2) American Journal of Cardiology, Ausgabe 87, Seiten 369-371, 2000
(3) Chest, Ausgabe 77, Seiten 94-97, 1980
(4) Running Research News, Ausgaben 5(6), Seiten1, 6-10, November-December 1989

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