Kraftwerk in Düsseldorf

Anlässlich des besonderen Gelegenheit eines Kraftwerk-Konzertes direkt vor der Haustüre, gibt´s heute einen kurzen Konzertbericht. Die Musik der Band hat mich schließlich nicht nur nur technisch sozialisiert, sondern steht auch heute noch oft auf der Playlist, ob im Training oder Wettkampf. Also auf zu einer eher künstlerischen als elektrokardiographischen Kritik von Kraftwerk in concert…

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Die weltweit gefeierten Elektro-Pioniere Kraftwerk führten im Januar 2013 ihr Gesamtwerk in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf auf. Vom 11. bis zum 20. Januar 2013 stellt die Gruppe mit der Konzertreihe „Der Katalog – 1 2 3 4 5 6 7 8 “ an acht Abenden jeweils eines ihrer legendären Musikalben ins Zentrum. Ergänzt wurde jede Performance durch eine Auswahl an weiteren Kompositionen aus dem Gesamtwerk.

Nach weltweiten Konzerterfolgen, darunter im Museum of Modern Art (MoMa) in New York, war das Programm in der Kunstsammlung NRW der erste Auftritt von Kraftwerk in Düsseldorf seit mehr als 20 Jahren. Die Karten für die Konzerte, die jeweils nur gut 170 Personen Platz bot, waren höchst begehrt und ruck-zuck, innerhalb von Sekunden, ausverkauft. Glücklicherweise war ich zur richtigen Zeit mit der richtigen Technik am richtigen Ort, und konnte mit Karten sichern, darunter für „Computerwelt“, einem der stilbprägendesten Alben von Kraftwerk.

Künstler lieben Kraftwerk. Seit die Konzertreihe der Düsseldorfer Elektrolegenden begann, pilgert die Düsseldorfer Kunstelite in das K20 am Grabbeplatz: Hilla Becher, Thomas Schütte, Elgar Esser, und Andreas Gursky war auch da. Kein Wunder, dass Gursky gleich zwei Konzerte besuchte. Dieser mit bedeutenste Vertreter zeitgenössischer Fotokunst ist nicht nur erklärter Fan elektronischer Musik, er hat auch in Haltung und Ästhetik viel mit der Formation Kraftwerk gemeinsam. Einen kühlen, zunächst neutralen Blick auf die Welt. Freude am technisch Machbaren, Vermaschung von Reduzierung und Weite. Gurskys Werke werden aktuell im Museum Kunstpalast gezeigt, nur wenige Gehminuten vom Grabbeplatz entfernt.

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Die aufgeräumte Stimmung im K20 passt dazu perfekt. Natürlich gibt es die obligatorischen Kaltgetränke, und auch das Merchandise kommt mit T-Shirts, CDs und Plakaten nicht zu kurz. Doch die Atmosphäre erinnert eher an einen Kongress als an eine Konzert. Gefühlt gibt es einen Überhang bei den Männern, obgleich die Besucher erfrischend unterschiedliche Alter und Milieus sind. Junge und Alte, Schicke und Schlichte, Prinzen oder Tote Hosen. Und das bei einer Band, die sich schon seit jeher eher für Technik, Sequencer und Sampler interessierte, als für Sex, Drugs oder gar Rock´n Roll. Im hellen Foyer entspanntes Germurmel und artiges Abwarten, bis sich die Tore in die Kunsthalle endlich öffnen. Im Saal tragen wir alle 3D-Brillen, und wer sich umdreht, schaut auch irgendwie in die Zeit zurück, es sieht aus wie in einem amerikanischen Stehkino der Fünfziger. 3D, das vorweg, wird gut funktionieren, doch die Inhalte erscheint wie eine Remineszenz an vergangene Zeiten. Das Früher gibt sich im Heute ein Stelldichein.

Heute Abend steht das Album „Computerwelt“ von 1981 auf dem Programm, plus zahlreicher Greatest Hits. Natürlich beginnt Kraftwerk das Konzert pünktlich, was man vom Entstehungsprozess des Albums nicht direkt behaupten kann: Die Band produzierte das Werk über ein für sie damals  untypisch langen Zeitraum von vier Jahren. Das Motto des damaligen und heute einzig verbliebenen Leader und originalen Bandmitglieds Ralph Hütter: „Wir leben in einer Computerwelt, also machten wir ein Lied darüber““. Stellvertretend repräsentieren Taschenrechner, Datenspeicherung und Heimcomputer diese Epoche. Das seinerzeit achte Album der Band galt als einer der wesentlichen Wegbereiter von Electro und Techno, und hat auch mich in den Achtziger maßgeblich akustisch und technisch sozialisiert, und bei den ersten Gehversuchen mit Computern, Mailboxen, DFÜ & Co. begleitet. Dementsprechend hoch der persönliche und genealogische Stellenwert.

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Im Konzert treten die vier Herren an den schwarzen Pulten kaum noch in den Vordergrund. In ihren schwarzen Suites, einem Mix aus Neoprenanzügen und Tron, erinnern sie eher an Tontechniker als Musiker. Dreidimensional animierte Grafiken und Clips bewegen sich durch die Tiefe der Kunsthalle, durch den Raum, visualisieren die Musik in einer passend liebenswert vergangenen Optik, die mit heutigen Sehgewohnheiten oder optischen Visualisierungsqualitäten nur noch wenig zutun hat. In den 80ern waren die Wireframes und shadierten Polygone state of the art, das Autobahnvideo quasi eine computergrafische Sensation. Heute bietet jedes Smartphone tausendfach mehr Rechenleistung und ein grafischen Output, dessen mathematische Basis und Entwicklung sich aufgrund der dahintersteckenden Komplexität den meisten Menschen im Verständnis völlig entzieht. Kraftwerk war in ihren Epochen immer modern im Kern. Heute sind sie Kunst, und tun gut daran, keine Songs über Smartphones oder 3D-Drucker nachzulegen. Im Publikum recken sich die Arme, unzählige Telefone beobachten, fotografieren, filmen kalt die Musiker. Selbstreferentiell, mag man da denken. Oder, um es mit Kraftwerk zu sagen: Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen.

Die Klänge kommen klar und konturiert aus den Boxen. Melodien, Flächen und Sequenzen blitzen, surren und streichen entlang  der Wände und eigens angebrachter Schallbrecher, rundherum in dem an eine Kirche erinnernden Raum. Kraftwerk in 3D, das ist die Multisensorik in Perfektion: Ohren, Augen und Körper rezipieren Musik, Visuals, Texte und Vibrationen. Kunst rundum. Erstmals steht  bei der Konzertreihe Falk Grieffenhagen mit auf der Bühne, der sich mitverantwortlich zeichnet für die Umsetzung des visuellen Konzeptes. Er ersetzt damit den erst seit 2008 wirkenden Stefan Pfaffe, der Grund bleibt unklar. Grieffenhagen belegte in seinem Studium der Musik und Kunst die gleichen Kurse wie Ralph Hütter, stammt ebenfalls aus Düsseldorf, und ist mit Ableton und Reaktor so vertraut wie mit Blender und Gimp. Da erscheint Kraftwerk als kontinuierliches künstlerisches Konzept denkbar, Gerüchten zufolge wird sogar ein neues Album für möglich gehalten.  Immerhin, ab „Technopop“ wurde die Konzertreihe mit 3D-Kameras gefilmt. Sicher nicht ohne Grund.

Dennnoch zeigen sich die Werke der Band rührend retrofuturistisch. Mit nostalgischen Oden an die Autobahn oder Alternativen wie den mittlerweile ausgemusterten Trans-Europa-Express TEE. Neonlichter, die unschuldig für die Verheißungen des Nachtlebens stehen. Immerhin ist das Motiv der Radioaktivitätskritik um Fukushima erweitert, Hütter singt den Song auf japanisch, ebenso sind die Visuals übersetzt, gleichwohl sehr passend für Düsseldorf. Überhaupt, welcher Ort könnte für die Kraftwerk-Konzerte idealer sein als das K20, einmal abgesehen von der ausgesuchten Akustik? Sie sind so klassisch wie Mondrian, Malewitsch und Beuys. Ihre Lieder führen uns zurück in die Siebziger,  als Technik für viele Menschenmeist noch negativ konnotierte Abstraktion war. Utopie und Dystopie, Himmel und Hölle, Fluch und Segen – viel weiter sind wir heute eigentlich auch noch nicht.

Kraftwerk wollte immer ihre Musik und Botschaft in den Vordergrund stellen, als Gruppe und vor allem als Musiker im Hintergrund bleiben. Indes haben sie mit ihrer Zeitlosigkeit und der andauernden Phänomenisierung (zu der ihre Zurückgezogenheit maßgeblich beigetragen hat) das genaue Gegenteil erreicht: das, was man in der Kunst eine historische Position nennt. Sie sind sich dieser Ausrichtung durchaus bewusst, vertreten sie mit Würde und Professionalität. Prägnante, fast kindlichen Melodien gepaart mit hynotischen Klangmustern und klarem Kontext.

Zwei Stunden nach Beginn des Konzertes ist die Zeitreise zu Ende. Mit kurzem Abstand verlässt jeder der vier Musiker die Bühne, verbeugt sich noch einmal, und entschwindet still. Nur Urgestein Ralf Hütter richtet tatsächlich zwei Worte an das Publikum: „Gute Nacht“. Der warme Applaus drückt mehr als nur Begeisterung aufgrund eines tollen Konzertes und Respekt vor dem Lebenswerk aus: Kraftwerk sind einfach die besten Schaufensterpuppen, Models, Mensch-Maschinen und Roboter, die es je gab.

Wobei, ehrlich gesagt, die schmissigen Interpretationen von Senior Coconut auch gut gefallen. Gleichwohl textet die Westdeutsche Zeitung im Fazit der Kunsthalle zur Konzertreihe völlig treffend: Kraftwerk ist pure Emotion trotz Entpersonalisierung.

Setlist des Konzerts (1-5 aus dem Album, 6-25 freier Teil)

1. Nummern
2. Computerwelt / Computerwelt 2
3. Taschenrechner / Dentaku
4. Computerliebe
5. Heimcomputer / It’s more fun to compute

6. Autobahn
7. Geigerzähler
8. Radioaktivität (Fukushima Version)
9. Trans Europa Express
10. Abzug
11. Metall auf Metall
12. Schaufensterpuppen
13. Roboter
14. Spacelab
15. Metropolis
16. Das Model
17. Neonlicht
18. Die Mensch-Maschine
19. Tour de France
20. Tour de France 2003
21. Vitamin
22. Planet der Visionen
23. Boing Boom Tschak24: Technopop
25. Music Non Stop

Und hier noch für alle Technikliebhaber ein nerdiger Blick hinter die akustischen 3D-Kulissen. Auch vor Ort beim Konzert war der direkte Blick auf das Equipment nebst Zugang zu den Tontechnikern eine tolle Sache:

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