Versemeer: Volle Fahrt voraus

Am Mittwoch hieß es „volle Fahrt voraus“ auf dem Versemeer, Binnengewässer und gleichzeitig nordöstlichst Begrenzung der Halbinsel Walcheren. Zwar trennt das Meer die ehemaligen Inseln Nord- und Zuid-Beveland, vereint aber jede Menge Wassersportspaß auf sich.


Eingeschifft und abgelegt wurde im Hafen des hiesigen Uraubsdomizils, delta marina. Die motorisierte Schaluppe ist ein kleines, kutterähnliches Gefährt, eigentlich ein größeres Beiboot mit Segel und Mast. Laut Wikipedia gut für Landungsoperationen, besonders durch mittelkalibrige Geschütze. Hatten wir jetzt nicht an Bord. Doch auch so war der Nachmittag auf See ein Knaller!

Am Pier befüllt der Service die Schaluppe noch kurz mit etwas Benzin, dessen Schwaden die Luft schwängern. Olfaktorische Erinnerungen an den gestrigen Tankstellenbesuch bei Texaco mit dem Bugracer werden wach. Deckel wieder zu, auf geht´s in das schwankende Schiff. Kurze Einweisung in die denkbar einfache Bedienung: Steuerrad (rechts/links) und Gashebel (vorwärts/stop/rückwärts). Leinen los, langsam legen wir vom Pier ab.

Schleichfahrt durch den Hafen, raus auf´s offene Wasser. Marvin, unser Mann am Pier, mahnte noch, nicht zu weit rauszufahren. Theoretisch könnten wir über dem Seeweg verduften, durch die Flutbollwerke raus auf´s offene Meer, Zwischenstop in England, dann rüber nach New York, runter nach Venezuela und durch den Panamakanal bis hin zu den Cook-Inseln. Heute wäre so ein Tag dafür, die Sonne strahlt, Himmel und Wasser stahlblau, Sprit ist ja auch gerade frisch und voll.

Doch heute geht es einfach um´s Genießen und Kennenlernen. Zu meiner Überraschung beherrscht das Boot noch etwas anderes als das bisherige Bummeltempo. Man muss nur den Steuerhebel voll nach vorne drücken, dann geht´s ab, und das nicht zu knapp. Speedbootgleich hebt sich die Nase in den Wind, der Motor heult auf, und wir beschleunigen auf gefühlte 30 Stundenkilometer. Stellt man sich dann noch hinters Steuerkreuz statt zu Sitzen, kommt man sich vor wie in Miami Vice, wenn es in der Abendsonne kurz nach Kuba geht.

Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Den kleinen Wurfanker auszuprobieren macht mindestens genauso viel Spaß, wie sich an die Yachten in den Häften heranzupirschen. Wie sieht eigentlich so eine Boje aus der Nähe aus? Und in welchem Winkel kreuzt man am besten (und schlechtesten) die Wellen anderer Schiffe? Wie eng lässt sich ein Kreis bei voller Fahrt zirkeln? Anders als beim Bugracer gibt´s diesmal keine auferlegten Limits. Keine Geschwindigkeitsbegrenzung, kein Kreisfahrverbot. Trotzdem bekomme ich reflexartig ein schlechtes Gewissen, wenn nach besonders gewagten Manövern plötzlich ein polizeiartiges Boot in Blau und Weiss aufkreuzt. Möglicherweise ist es unschicklich, die anderen (Segel)Boote in der Nähe durch die durch uns verursachten Wellen ins Schaukeln zu bringen. Zum Glück habe ich mich geirrt, das vermeintliche Polizeiboot ist privater Art, die Eigner winken fröhlich rüber.

Die Freiheit auf dem Wasser ist wunderbar. Diese Ruhe. Dieser Blick. Diese Tiere. Diese Massenträgheit beim Beschleunigen und Manövrieren. Dieses Gefühl, weit entfernt zu sein vom Alltag und Stress. Wo ich gestern noch fest angeschnallt den Anweisungen eines Navigationssystems folgte, das mich über Pfade führte, die rechts und links stets enge Limits vorgaben, herrscht hier Weite und Freiheit, Zurückführung und -besinnung auf sich selbst. Nur die Natur gibt den Rahmen vor, die Kälte und Klarheit und Tiefe des Wassers, die Weite und Varianz des Himmels.

Zurück im Hafen, gestaltet sich das Manöver am Anlegeplatz zwecks Wiedervertäuung des Schiffchens als durchaus spaßig, erfordert jedoch auch ein wenig Gelenkigkeit und Kraft. Völlig ohne fremde Hilfe hat´s gleich beim ersten Mal geklappt. Eine Erfahrung, die man beim Reisen immer wieder machen kann: Wenn es drauf ankommt, und man sich auf sich und seine Fähigkeiten besinnt (und dazu gehört, das sage ich nicht ohne Stolz, Knotenmachen), dann klappt´s. Auch am Pier.

Wer nicht schon motorbetriebene, maritime Erfahrung hat, dem kann ich jedem Feriengast in Zeeland einen Bootstrip dieser Art nur wärmstens empfehlen. Als Skipper darf man völlig autonom das Yokohama-Segel setzen, und die Erfahrungen auf See wirken nachhaltig. Mindestens bis zum Abend, an dem mich das Schaukeln des Bootes noch bis ins Bett begleitet hat.

 

(Visited 100 times, 1 visits today)
Teilen:
Tweet about this on TwitterShare on FacebookShare on LinkedInPin on PinterestEmail this to someonePrint this page

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.