Interviewmarathon

Mann mann mann, Heiko Wache vom Marathonblog „Laufe Marathon“ hatte ja mal eine ganze Menge interessante, persönliche Fragen: Macht das Laufen ausgeglichener? Werden Laufzeitschriften bald überflüssig, und wo liegen die eigenen Schmerzgrenzen? Hier alle Fragen und Antworten:


Stell Dich bitte vor: Wer bist Du? Was machst Du?

In meinem Blog www.marathonmann.de berichte ich seit mehr als drei Jahren zu den eigenen, läuferischen Erfahrungen – die doch meist universell sind. Schwerpunkte sind Lauf- und Trainingsberichte, Ausrüstungstests und die liebe Technik. Zu Beginn war noch das Ziel, überhaupt fünf Kilometer laufen zu können. Mittlerweile habe ich diverse Marathons bewältigt, freue mich an Crosstriathlons und dem StrongmanRun und organisiere jährlich einen Firmenlauf im Bergischen Land mit zuletzt mehr als 3.500 Teilnehmern. Daneben habe ich schon für Achim Achilles „Laufgourmet“ geschrieben, und binTestläufer bei Brooks. Mit 37 Jahren lebe, laufe und arbeite ich (meist) in Solingen.

Wie bist Du zum Laufen gekommen? Gab es einen besonderen Grund mit dem Laufen zu beginnen?

Meine Brötchen verdiene ich im Büro, und bin seit Anfang Dreissig einfach etwas faul geworden. In meiner Freizeit habe damals so gut wie keinen Sport gemacht, langsam reihte sich Gramm auf Gramm. Der BMI war noch im Normbereich, aber mich störten zunehmend Körpergefühl und Eigenbild. Weil bekanntlich selbst die längste Reise mit dem ersten Schritt beginnt, war und bin ich neugierig, wie weit man kommt. Manche sagen sogar, dass nur, der zu weit geht, auch weit kommt. Zum Glück unterstützt mich meine Krankenkasse jährlich mit 500 Euro für Gesundheitskurse, wozu auch lokal angebotene Laufkurse zählen – ich habe es lieben gelernt, gab ihm mein Ja-Wort, und bin seitdem mit dem Sport verheiratet.

Macht Laufen ruhiger und ausgeglichener und was sind die Gründe dafür?

Definitiv, und nach meiner Erfahrung kann man danach regelrecht die Uhr stellen, so verlässlich ist der Effekt. Laufen lehrt Körper und Geist Tugenden und Werte wie Anstrengung, Ausdauer, Ehrgeiz, Disziplin, Beständigkeit, Durchhaltevermögen oder Demut. Die biologischen Abläufe schließen Adrenalin, Dopamin, Serotonin, Cortisol und andere körpereigene Stoffe mit ein – am Ende bleibt immer das tolle Erlebnis, die erfrischende Befreiung, und das innere Glück, verbunden mit einem wesentlich verbesserten Selbst- und Körperbewusstsein. Beim Laufen kann ich mich gut auspowern, eliminiere nachhaltig Stress und Ärger. Zu tun hat das ganz sicher auch mit einem erheblich weniger aktiven präfrontalen Cortex, also dem Teil des Gehirns, der für die analytische, innere Stimme im Ich zuständig ist. Genauer gesagt den Gedächtnisinhalten und den Link zum limbischen System und Emotionen. Wie die meisten Läufer kenne und  schätze ich den Effekt, beim Laufen schlicht an kaum noch etwas zu denken, sondern stattdessen den Lauf und die Natur zu genießen.  Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern ein biologischer Effekt der Anstrengung. Und den strebt man einfach immer wieder an, wenn man ihn einmal kennengelernt hat. Daneben ankere ich bewusst die positiven Erlebnisse, und versuche, sie kontinuierlich auszubauen. Last but not least bin ich zwar kein gläubiger Mensch, doch man könnte sagen: „wer läuft, sündigt nicht“.

Wo läufst Du im Training am liebsten: im Wald, in Parks oder sogar im Fitness-Center auf dem Laufband? Und warum gerade dort?

Meine Lieblingsstrecke, eine etwa 50 Kilometer, kombinierte Lauf- und Radstrecke von Haustüre zu Haustüre, führt im Mix durch Wald, über Felder Straßen. Ich liebe die Vielfalt, und die wechselnden Anforderungen beim Untergrund, Umgebung, Fahr- und Laufstil. Freunde oder Kollegen meinen manchmal: „Ich kann nicht verstehen, wieso Du immer wieder die gleichen Strecken laufen kannst“. Das können eigentlich nur Menschen sagen, die Laufen selbst nicht „von innen“ kennen. Ein Lauf auf ein und derselben Strecke ist niemals identisch oder langweilig. Außerdem ist es interessant zu beobachten, den gleichen Weg bei unterschiedlicher Tages- und Jahreszeit, Witterung, Wind und Wetter zu erleben. Laufbänder hingegen finde ich eher unattraktiv – einerseits schätze ich die Herausforderung, auch bei widrigstem Wetter (kostenfrei) draussen zu laufen. Andererseits empfehlen Experten das Laufband gerade im Winter für das Marathontraining, um einschränkungsfrei das lange, dauerhafte Laufen zu trainieren, was gerade für den Marathon nötig ist.

Läufst Du gern in der Gruppe oder eher allein und warum diese Entscheidung?

Von der Menge her absolviere ich die meisten Läufe alleine. Dabei schätze ich die terminliche Flexibilität und die Möglichkeit, Musik dabei zu hören. Andererseits laufe ich auch gerne mit einem Laufpartner oder einer Laufpartnerin oder einer Gruppe. Schöne Erinnerungen habe ich zum Beispiel an Läufe zu zweit in der Marathonvorbereitung – selbst mehr als drei Stunden werden mit einer guten Gesprächspartnerin nicht langweilig. Wobei, zugegeben, die Menge der getauschten Wörter mit zunehmender Distanz abnimmt. Und ich liebe unseren wöchentlichen Lauftreff, wo unterschiedliche sportliche Niveaus und Charakter aufeinandertreffen – sehr erfrischend, und ein gutes Kontaktnetzwerk.

Es gibt mittlerweile die unterschiedlichsten Laufmöglichkeiten: Große Stadtmarathons, Wald- und Wiesenläufe, Trails, Bergläufe usw.  Bei welchen Laufveranstaltungen fühlst Du Dich am wohlsten und warum?

Am allerliebsten mag ich entweder große Marathons oder quirlige Triathlons bzw. den StrongmanRun als größten Crosslauf der Welt. Am Marathon schätze ich besonders die Herausforderung und die Königsklasse, die Crossläufe sind einfach eine sehr belebende Abwechslung in den verschiedenen Disziplinen. Und richtig hart und eingesaut wie beim StrongmanRun in der grünen Hölle am Nürburgring – da schlagen Männerherzen einfach höher.

Nenne mal einige schlüssige Gründe, warum man mit Musik im Ohr laufen sollte?

Bei langen Läufen bietet sich die Möglichkeit, Alben oder Podcasts mal richtig von Anfang bis Ende durchzuhören. Oder immer wieder zu hören, und damit eine echte Beziehung zur Musik aufzubauen. Langfristig koppeln sich damit auch idealerweise Erinnerungen an Zeiten, Orte und Menschen an die Musik, und werten das Hörerlebnis selbst mit großem zeitlichen Abstand zum Erlebten wieder auf. Außerdem beflügelt Musik, und sorgt je nach Auswahl der Tracks für zahlreiche zusätzliche Gänsehautmomente. Idealerweise kombiniere ich meine Herzfrequenzmessung, Tracking der Strecke und Geschwindigkeit per GPS, Trainingssteuerung via Sprachsteuerung und Musik im Smartphone – so bin ich gerne bei langen Trainingsläufen unterwegs.

Nenne mal einige schlüssige Gründe warum man ohne Musik im Ohr laufen sollte?

Thema Sicherheit, außerdem geht eine gute Portion Naturerlebnis flöten. Keine Vögel, kein Wind, kein Blätterrauschen, keine gurgelnde Bäche. Außerdem kann das Gefummel mit den falschen Kopfhörern lästig sein, im Wettkampf sowieso. Apropos Wettkampf, nach DLV-Statuten ist das Laufen mit Kopfhörern nicht zugelassen, und kann zur Disqualifikation führen. In dem Segment, in dem ich unterwegs bin, spielt das allerdings weniger eine Rolle ;-).

Warum sind Deiner Meinung nach die Startgebühren bei vielen der großen Stadtmarathons, Bergläufen und Abenteuerläufen so hoch? Gibt es für Dich eine Grenze beim Startgeld?

Aus meiner eigenen Erfahrung mit der Organisation einer großen Laufveranstaltung, mitten in der City, mit mehr als 3.500 Teilnehmern (2011, www.bergischer-firmenlauf.de), sind die meisten Startgebühren angemessen. Die Kosten eines Laufs decken die Einnahmen aus den Anmeldungen ohnehin nicht, weil sie um ein teils Vielfaches höher sind. Oder andersrum: Startgelder decken zu einem Viertel oder Drittel die Kosten. Ausgaben für Straßensperrung, Zeitmessung, Sicherheitskonzept, Beschilderung, Startbeutel, Bewirtung, Medaillen, Reinigung, Marketing u. v. m. summieren sich je nach Größe und Prominenz eines Laufs erheblich auf. Als Läufer ist mir deshalb meist klar, dass ich mit meinem Startgeld nur einen Teil der tatsächlichen Kosten decke. Zudem man als Veranstalter gerade bei noch nicht etablierten Läufen nicht weiß, wie hoch die Anmeldezahlen am Ende wirklich sind sind (die Kosten aber fix). Da bleibt im Budget im Vorfeld zwangsläufig meist eine Unbekannte.

Zur Frage der persönlichen Schmerzgrenze: Das kommt ganz auf die Veranstaltung und das Drumherum an. Spitzenbeispiel ist ja der New York Marathon mit allein 190 Dollar Antrittsgeld – doch selbst das wäre mir nicht zu viel angesichts des Renommees des größten und bekanntesten Marathons der Welt. Andererseits gibt es auch Anbieter, die für weit mehr Geld einen läuferische Überraschungstrips der Extraklasse mit vorher unbekanntem Ziel anbieten, teils nur per Flugzeug erreichbar. Das würde mich auch mal reizen.

Laufmuffel klagen gerne darüber, dass sie keine Zeit hätten, sich sportlich zu betätigen. Gründe sind sehr schnell gefunden. Wie schaffst Du es, das Laufen in den Alltag zu integrieren, ohne dabei Stress zu erleiden? Ist es manchmal nicht auch sinnvoll, mal eine Trainingseinheit ausfallen zu lassen?

Sicher hab ich auch schon mal Einheiten ausfallen lassen. Insbesondere der Körper sagt einem bei Bedarf schon deutlich, wenn Laufen nicht sinnvoll ist. Da muss man vielleicht auch lernen, auf den Körper zu hören. Ich kenne auch das Gegenteil, sprich kränkelnd zu laufen, doch hier ist es meist eine Frage der Zeit, bis dann automatisch Schluss mit dem Blödsinn ist, und der Körper endgültig Konsequenzen zieht. So hat sich mittlerweile ein ganz gutes Gefühl entwickelt für das, was machbar ist. Zu Deiner Frage: Stichwort „Neuroplastizität“. Das Gehirn braucht 4 bis 8 Wochen, bis sich neue Routinen (im Wortsinn) gefestigt haben. Wenigstens diesen Zeitraum lang sollte man sich überwinden bzw. zwingen, die Laufschuhe zu schnappen, und den inneren Schweinehund an die Leine zu legen, idealerweise einfach zu ignorieren. Irgendwann bellt der gar nicht mehr, sondern ist sanft und friedlich eingeschlafen. Oder andersrum: Ich laufe mittlerweile automatisch, und kenne keinen inneren Widerstreit mehr. Das ist nur eine Frage der Übung – und wie bei den meisten Dingen im Leben: Man muss es einfach TUN. Tut man es nicht, darf man eigentlich auch nicht damit hadern, weil die Lösung so einfach ist. Heutzutage überlegt man häufig viel zu viel. Einfach mal machen, loslegen…

Was macht mehr Spaß: Der Wettstreit mit anderen Läufern oder das gemütliche Laufen ohne Zeit und Druck?

Beides. Wobei ich mir im Wettkampf schon mal die Frage stelle, wer auf die doofe Idee gekommen ist, um die Wette zu laufen – schliesslich ist Laufen ohne die Hetze beim Wettkampf doch viel schöner. Das hab ich im Ziel aber schon wieder vergessen.

Ich gewinne oft den Eindruck, dass Menschen sich und Ihren Körper überfordern, weil sie neben der Arbeit auch die Familie und Haus, Hof und Garten versorgen müssen.  Sport muss auch noch sein und eine gesunde Ernährung ist Pflicht. Oft erscheint es wie ein Zwang und es ist fraglich, ob dies der Weg zur Zufriedenheit sein kann. Wie gehst Du mit diesem Leistungsdruck, immer den “Mann” oder die “Frau” stehen zu müssen, um?

Ich versuche einfach, in der jeweiligen Rolle das Beste zu geben. Und das heisst für das Laufen, mich insgeheim damit abgefunden zu haben, bei Olympia keine Goldmedaille mehr zu gewinnen. So lange ich mich dann in meiner jeweiligen Rolle widerfinde und zufrieden und glücklich bin, ist alles in Ordnung. Ziele sind zum Strecken da, Erfolg braucht auch Vorbereitung und Sieger kennen keinen Zufall – keine Frage, aber ich möchte mein Leben genießen. Für alles andere ist es viel zu kurz, und Glück muss auch im Hier und Heute existieren. Das bietet eine glückliche Vergangenheit, und ist eine gute Basis für eine glückliche Zukunft. Laufen lehrt, im Heute glücklich zu sein. Es zeigt, wie wenig dafür eigentlich nötig ist. Frische Luft, Bewegung, vielleicht gute Musik. Wer da einmal angebissen hat, lässt einerseits selten wieder los, und hat auch den Schlüssel für Glück und Zufriedenheit in der Hand.

Wie wichtig ist für Dich als Läufer das Internet?

Sehr wichtig. Ich nutze es zur Trainingsvor- und nachbereitung, Informationen zu Veranstaltungen und Events, natürlich auch publizistisch und kreativ mit meinem Blog. Außerdem bin ich über die Gemeinschaften bei Twitter, Facebook und Xing in Kontakt mit anderen Läufern und Kreativen. Das schätze ich sehr. Technik und Sport, dafür schlägt mein Herz.

Werden Laufzeitschriften bald vom Internet komplett abgelöst oder werden sich die besten Deiner Meinung nach noch einige Jahre halten? Welche Laufzeitschriften liest Du selber gern und warum?

Ich bin der festen Überzeugung, dass vielleicht das Medium „Papier“ zunehmend von elektronischen Medien abgelöst wird, doch es wird immer Bedarf an professionell aufbereitetem Material, journalistischer Expertise und damit qualitätsorientierter Recherche und Schreibe geben. Zeitungen werden damit zukünftig mehrere Kanäle bedienen, sich aber auch inhaltlich wandeln. Mit dem Trail-Magazin gibt es ja beispielsweise auch Positivbeispiele, wo sich ein bislang rein als Flashpaper kostenlos und rein elektronisch verfügbares, sehenswertes Medium zum Laufsport über Baum und Borke traut, plötzlich per Print am Kiosk zu liegen. Mit tollem Erfolg und über 100.00 Exemplaren. Das zeigt, dass das haptische Erlebnis einer Zeitschrift den Menschen heute noch immer etwas bedeutet – mir auch. Die komprimierte Form von Information und visuellem Erleben, wenn ich etwa eine RUNNERs WORLD durchblättere, ich nicht mit der gezielten Recherche oder dem surfenden Treibenlassen im Internet vergleichbar. Zeitung bleibt Push, Internet Pull, zumindest bei freiem Content in Blogs und Foren. In 20 Jahren sehe ich allerdings ohnehin das Medium Papier nicht mehr, sondern flexible und zeitungsähnliche OLED-Displays, auf die Inhalte der Zeitung nur noch „geladen“ werden – nehmt mich beim Wort.

Welche sind Deine Lieblings-Laufblogs und bitte eine Begründung dazu?

Alle in meiner Linkliste unter www.marathonmann.de verzeichneten Blogs und Websites. Ein Blog gewinnt mich mit fesselndem Text, spannenden Berichten, schönen Fotos und idealerweise Tipps und Tricks, die man sonst schwer findet. Schön ist auch die Tendenz vieler Blogger, sich weitestgehend des Social Media zu bedienen, um auch bei Twitter und Facebook neue Beiträge zu publizieren. Diese Vielfalt bringt aber auch höhere Anforderung an die Gestaltung mit, weil einerseits die Konkurrenz zu anderen Beiträgen (aller coleur) größer wird, sich im Vergleich auch schneller die Spreu vom Weizen trennt. Mein Lieblingsblog ist dabei natürlich www.laufe-marathon.de 😉

Die Motivation spielt im Sport auch eine große Rolle. Wie motivierst Du Dich zu immer neuen Taten im Training und/oder Wettkampf?

Ehrlich gesagt ist Sport mittlerweile ein Perpetuum Mobile für mich. Natürlich kenne ich auch Phasen von geringerer Motivation, aber ich habe festgestellt, dass sich das meist von ganz alleine legt. Mein Körper sagt mir so von sich aus, wenn er eine Pause braucht. Irgendwann kommt das Bedürfnis nach Bewegung ganz alleine wieder, und die Aussicht auf neue Erfahrungen und erlebte Grenzen ist neben dem stets guten Gefühl nach dem Laufen Hauptmotivator.

Was würdest Du Einsteigern auf dem Weg zur einer “Laufkarriere” mitgeben?

Am wichtigsten ist der Einstieg: Dranbleiben! Nach zwei, drei Monaten professionell angeleiteten Trainings (für Einsteiger: Laufkurse!) wird man wissen, ob das etwas für einen ist. Idelaerweise koppelt man das Einstiegstraining vielleicht an einen ersten Wettkampf, zum Beispiel einen kleinen Lauf über fünf Kilometer. Lasst euch in der Zeit nicht entmutigen, gebt nicht auf, werft den vielleicht schwierigen Anfang nicht weg. Wenn ihr durchhaltet, wird vieles später ganz leicht. Und wenn man dann einmal das ganze Programm erlebt hat – den Einstieg, das Training, die Vorbereitung auf den Wettkampf, die Aufregung beim Start, den eigentlichen Lauf, die Euphorie im Ziel, die Nachbeschäftigung und das gute Gefühl, es gemeistert zu haben – dann wird daraus meistens ein Selbstläufer. Und vielleicht schon mal einen Platz zu Hause für die vielen Medaillen später festlegen (sonst hängen die später alle provisorisch an der Bücherwandleiter, und nichts ist so dauerhaft wie ein Provisorium – ich weiß, wovon ich rede).

Woher kommt Deiner Meinung nach der Drang von Menschen, nach immer größeren Herausforderungen zu streben? Im Laufsport scheint es nach oben mittlerweile kaum noch Grenzen zu geben.

Einerseits weiß ich nicht, ob das wirklich so ist: Laufsport bringt zwar zunehmend die Gesellschaft in Bewegung, andererseits gibts auf der Langstrecke klar die Tendenz zum Halbmarathon, weg vom Marathon. Die Mehrheit bevorzugen kürzere Distanzen. Ultramarathons, harte Triathlons ziehen weit weniger Läufer an, als Massenphänomen sehe ich das gar nicht mal. Dass es hier trotzdem Steigerungsraten gibt, führe ich darauf zurück, dass es in gewissen Kreisen vielleicht ein größeres Bedürfnis nach Leistungsfähigkeit, Sportlichkeit und „Jugendlichkeit“ gibt, die sich dann im Sport widerspiegelt oder darüber definiert. Unsere Leistungsgesellschaft fördert das. Außerdem sind „Erfolgstories“ und qualifizierte Informationen zu dem Thema und Training dank Internet viel leichter verfügbar als früher. Schön ist und bleibt: Laufen ist trotz allem urdemokratisch. Den Erfolg auf der Langstrecke kann man sich nicht kaufen, im Angesichts des Schweiss sind alle gleich. Nur Training bringt einen nach vorne, die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit dem Sport. Keine Jammerei, kein Geld, kein Doktortitel.

Immer wieder ist zu beobachten, dass Läufer zu Schmerztabletten greifen, um einen Lauf schmerzfrei zu überstehen. Wie stehst Du dazu und ist es nicht auch eine Form von Betrug am eigenen Körper und den Mitläufern?

Schmerzen bei langen Läufen kenne ich ohnehin nur vom Marathon. Da gehört für mich der Schmerz auch dazu, weil er Gradmesser der eigenen Leistungsfähigkeit ist. Wer Schmerztabletten dagegen im Vorfeld nimmt, betrügt sich selber – und geht auch Risiken ein. Ich selber möchte gerne mitbekommen, wenn mein Körper in Schwierigkeiten gerät. Unterdrücke ich den Schmerz, riskiere ich Gefahren. Das ist mir der Sport nicht wert, ich habe schliesslich nur diesen einen Körper. Zumal das Ideal der Fairness mir selbst und den Mitläufern gegenüber mir viel bedeutet.

Trainierst Du nach nach Trainingsplänen oder eher nach Lust und Laune? Warum diese Entscheidung?

Da habe ich eine klare Trennung: In der Vorbereitung auf einen Wettkampf trainiere ich stets mit Trainingsplan, außerhalb ohne. Natürlich entwickelt sich eine gewisse Routine durch das Wettkampftraining, so dass man seinen Rythmus in der planfreien Zeit nicht zu sehr verlässt. In dieser Zeit agiere ich aber wesentlich flexibler, laufe aus Lust und Laune auch mal länger, gar nicht, oder schiebe einen Lauf an einem sonst trainingsfreien Tag ein. Was ich schöner finde? Beides hat gleichermaßen seinen Reiz: Einerseits die klare Struktur durch den Plan, und das motivierende Ziel. Andererseits die Flexibilität und Freiheit.

Sind intensive Planung und beste Technik wirklich für Läufer immer hilfreich oder können sie auch ein Hemmschuh sein?

Die Erfahrung zeigt, dass das beste Training nichts bringt, wenn die Tagesform nicht stimmt, oder man kurz vor dem Wettkampf krank wird. Wer sich zu sehr in ein Ziel verbeisst, ist als Amateurläufer am Ende deshalb vielleicht am Boden zerstört. Daher sollte man aufpassen, nicht übermotiviert zu sein, um einfach Spielräume zu haben: Auch im Beruf oder der Familie können ja einmal ungeplante Dinge passieren, wofür man das Training zurückstellen muss. Wer sich hier eine gelassene Einstellung bewahrt, hat langfristig gewonnen. Das soll intensives Training nicht ausschliessen, und ist nach meiner Erfahrung damit auch absolut vereinbar.

Welche Laufschuhe trägst Du beim Laufen am liebsten und was macht diese Schuhe so besonders?

Am liebsten trage ich Laufschuhe von Brooks. Im Schuhschrank stehen daneben Modelle von adidas, asics, Nike und saucony, aber die Brooks Schuhe machen mir mit Form und Funktion den meisten Spaß. Es sind teils sehr leichte Schuhe, speziell auf unterschiedliche Disziplinen zugeschnitten, zum Beispiel der T7 Racer oder PureGrit für das Trailrunning.

Auf welches Laufutensiel möchtest Du nicht mehr verzichten?

Auf mein Smartphone, mit dem ich nicht nur Musik höre und telefonisch erreichbar bin während des Trainings, sondern auch meine Herzfrequenz überwache, die Strecke und Geschwindigkeit messe, und zum Beispiel beim Intervalltraining auch eine Sprachansage für Zeiten und Distanzen habe. Die doof piepende Polar am Handgelenk darf dann gern zu Hause bleiben…

Welche Laufbücher haben dich begleitet und welche würdest du empfehlen?

Sehr lesenswert sind sämtliche Veröffentlichungen von Achim Achilles – ausgesprochen lustige und treffende Lektüre, die wirklich Spaß macht, und sofort ins Blut geht. Daneben habe ich per Spedition Dr. Marquards „Laufbibel“ angeliefert bekommen. Gern lese ich auch den Altmeister Herbert Steffny, oder ganz neu: Ingalena Heucks „Marathon-Coach“ (dank der lieben Leni gabs sogar ein Rezensionsexemplar von ihr persönlich, das machte die Lektüre natürlich um so lesenswerter und wertvoller).

Was war für Dich bisher das schönste Lauferlebnis?

Zu meinen schönsten Erlebnissen gehörten die Marathons in Köln (Bericht) und Berlin (Bericht Teil 1 und Teil 2). Das Erlebnis während des Laufs und im Ziel ist jedesmal überwältigend. Daneben zählt der StrongmanRun zu meinen jährlichen Highlights – die sauige Sauße ist jedesmal ein Riesenspaß, und je nach Luft- und Wassertemperatur eine echte Herausforderung (in jedem Fall aber auch für meine Waschmaschine). Persönlich am meisten am Herzen liegt mir der www.bergischer-firmenlauf in meiner Heimat, dem Bergischen Land – nach jedesmal einem Jahr Organisation ist es toll, auch mitzulaufen und sich an und mit den vielen glücklichen Läuferinnen und Läufern zu freuen. In diesem Jahr das schönste Fest, das ich je gefeiert habe.

Hast Du schon einmal den Mann mit dem Hammer beim Marathon getroffen?

Ja, bei meinem ersten Marathon 2010 in Köln gab es ab Kilometer 32 frustrierend lange Gehphasen. Es war Oktober, und mit 23 Grad überraschend warm. Als Anfänger auf der Marathondistanz machte ich außerdem den klassischen Fehler, die erste Hälfte zu schnell anzugehen – was ich in der zweiten Hälfte teuer und mit viel Zeitverlust bezahlte. Erfahrungen, die ich trotzdem schätze, und die ausgesprochen lehrreich waren. Ins Ziel habe ich´s dennoch geschafft, und noch auf den letzten hundert Metern vor dem Ziel Läufer gesehen, die aufgrund von Krämpfen nicht mehr weiter konnten. Das tat mir sehr leid für sie, zum Glück bin ich bis heute von Krämpfen verschont geblieben. Im Alltag, Training und Wettkampf spielt gesunde Ernährung eine große Rolle, vielleicht deshalb.

Gibt es für Dich Persönlichkeiten, die Du als Vorbild für Dich siehst? Was macht diese Personen so besonders?

Es gibt ganz viele Vorbilder, egal ob prominent wie Haile Gebrselassie, Ingalena Heuck, Achim Achilles oder Sabrina Mockenhaupt – oder andere Blogger, die ausgezeichnete Texte und Berichte schreiben (wie zum Beispiel Frau Schmitt) oder für mich anders in Erscheinung treten (zum Beispiel morgendliche Läufe vor dem Frühstück bei Twitter raushauen, wie Nadin „Din“ Eule). Oder André „bluecherHRO“ Pristfaff, ebenfalls unermüdlicher Läufer und Ambassador aus dem hohen Norden. Die Welt bietet viele Menschen, an denen man sich ein Beispiel nehmen kann. Und natürlich auch die genauen Gegenteile.

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