Sportsucht und Esstörungen

„Sport“ steht in seiner wörtlichen Bedeutung für Vernügen und Zerstreuung. Doch wo liegt die Grenze zwischen Spaß und Sucht, Ziel und Zwang? Außerdem: Wenn Bulimie ohne Brechen auskommt, und die Anorexia Athletica auf den Trainingsplan tritt… Vorhang auf für die Anonymen Athleten:

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Vorab ein Disclaimer: Weder bin ich selbst betroffen, noch kenne ich persönlich Betroffene. Das schränkte die Recherche etwa ein, doch ich wollte unbedingt mehr zum Thema wissen. Außerdem dürfte das Dementi wieder Stoff für alle Zweifler sein, denn: Die Diskussion ist etwas ermüdend. Wer Sport mehr als zweimal wöchentlich mit 5-10 Stunden Dauer treibt, zieht bereits Argwohn und Sorge des nichtsportlichen Umfeldes auf sich, was rasch zu medizinischen Experten avanciert. Eigentlich ungewöhnlich für eine Leistungsgesellschaft, die 40+ Stunden im Büro kennt, die Fernsehcouch liebt, und über 50 Prozent von Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes betroffen ist (Quelle: OECD). Tendenz und Gewicht steigend.

Situation
Auf der anderen Seite der Waage liegt die Sportsucht, im konsequenten Magermix auch mit Esstörungen. Deutsche Psychologen schätzen, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen sein könnte – 800.000 sportlich hyperaktive Männer und Frauen? National gibt es keine verlässlichen Zahlen, international auch nicht. Vereinzelt werden 3-13 Prozent eines stichprobenartig befragten Personenkreis als gefährdet oder betroffen eingestuft. So kommt man zu dem Schluss, dass jeder 100. Sportler vereinzelte Auffälligkeiten zeigen könnte, jeder 1.000 Sportler Störungsmerkmale besitzen könnte, jeder 10.000 Sportler behandlungsbedürftig sein könnte (nach Terry et. al. (2004) in Übereinstimmung mit Veale (1995) und Szabo (2000)). Also eine sehr geringe, „echte“ Krankheitshäufigkeit.

Historisch
Bei den Olympischen Spielen in Athen 1896 wurde erstmals ein Marathonlauf über die bekannte Distanz von 42,195 Kilometer ausgetragen. Es dauert nur etwas mehr als hundert Jahre, und einzelne Wettbewerbe übertreffen sich mit einem Vielfachen dieser Distanz: Der 100 Kilometer Lauf von Biel, der 78,5 lange Swiss Alpine Marathon mitten durchs Hochgebirge, unter Bewältigung extremer Höhenunterschiede. Ultra-Läufe über Tage und Wochen in Wüsten oder quer durch Kontinente. Doch auch direkt vor der Haustüre warten mit Röntgen-Jubiläumslauf und anderen Wettbewerben Distanzen weit über einem Marathon. Mit engagiertem Hobbysport in der Freizeit hat meist wenig zu tun (junge Talente ausdrücklich ausgenommen, Guido!), sondern reicht ins Pathologische.In den 70er Jahren liegt die Wiege der Laufbewegung. Wenige Jahrzehnte später folgen die Fitness, die mit einer zunehmend Körper- und Schönheitsbewussten den Nerv der Gesellschaft trifft: Die Folge ist eine beinahe inflationäre Abdeckung mit Fitnesstudios (bei deren angemeldeten Mitgliedern Wunsch und Wirklichkeit allerdings oft auch auseinanderklafft). Die eingangs genannten Zahlen zu Zivilisationskrankheiten wie Adipositas und Co sind anders nicht erklärlich, weil wir nur zu häufig den Splitter im eigenen Auge nicht wahrhaben wollen, und uns selbst betrügen.

Sportsucht
Bei Sportsucht (auch Fitness- oder Muskelsucht) handelt es sich um eine zumeist nichtstoffliche Sucht, die unter den Oberbegriff der Verhaltenssucht fällt, aber nicht als eigenständige medizinische Diagnose gilt. Betroffene leiden unter dem inneren Zwang, sich sportlich zu betätigen, ohne jedoch Wettkampfambitionen zu haben. In den USA ist der Begriff seit Mitte der 90er Jahre bekannt. Sportsucht ist bisher weder in der ICD-10 noch im DSM-IV aufgenommen, was bedeutet, dass eine Sportsucht keine national oder international anerkannte, psychische Störung ist. Allerdings differenzieren einige Experten das Phänomen auch in Richtung von zwanghaften Persönlichkeitsstörungen. Bei Männern ist auch der zwanghafte Wunsch, immer mehr Muskelmasse aufzubauen, als Muskelsucht bekannt.

Esstörung
Bei einem Teil der Sportsüchtigen kann gleichzeitig eine Essstörung (Anorexia Athletica) vorliegen; in diesen Fällen dient intensives Trainieren vor allem dazu, das Körpergewicht zu reduzieren um ein bestimmtes Figurideal zu erreichen. Bettroffene der Ess- und Brechsucht (Bulimie) müssen nicht zwangsläufig untergewichtig sein, sondern weisen häufig auch Normalgewicht mit Tendenz zum Untergewicht auf. Typisches Merkmal der Erkrankung sind Heißhungerattacken, in deren Anschluss gegenregulatorische Maßnahmen wie Erbrechen, exzessiven Diäten oder exzessiven Sport anwenden, um der Angst vor Gewichtszunahme zu begegnen. Überwiegend sind Frauen betroffen, (90 – 95 Prozent), die Krankheitsrate liegt bei Mädchen in der Pubertät und jungem Erwachsenenalter bei einem bis drei Prozent der Bevölkerung. Der Anteil männlicher Sportler dürfte signifikant niedriger liegen (non-purging type, d. h. exzessive Diäten und Sport als Ausgleich zu den Fressattacken).

Merkmale von Verhaltenssucht (nach Trettner und Müller)
1. Übermäßigkeit des Verhaltes (Menge, Dauer, Häufigkeit)
2. Fehlende Distanzierungs- bzw. Enthaltungsfähigkeit (Kontrollverlust)
3. Verhalten erzeugt Lust bzw. vermeidet Unlust

Klassiker der Verhaltenssüchte sind Glücksspiel, Arbeitssucht und Sexsucht.

Merkmale von Verhaltenssucht (nach Grüsser und Thalemann)
1. Schwer kontrollierbarer und intensiver Drang
2. Wiederholung der Tätigkeit über mindestens 1 Jahr
3. Steigerung der Tätigkeit trotz negativer sozialer Konsequenzen
4. Ständiges gedankliches Beschäftigtsein mit der Tätigkeit

Kriterien, die auch auf stoffgebundene Suchtformen wie Alkoholismus oder Drogensucht zutreffen.

Beispiel
Um zu verdeutlichen, in welchen Segment wir uns hier bewegen, das Beispiel des Sportjournalisten Detlev Vetten. Der Triathlet und Ultraläufer glitt eigenen Worten nach langsam in exzessiven Sport ab. 90-Kilometer-Rennen auf Langlaufskiern, nach dem im Anschluss die Füße kaum noch zu heben waren. Ein Lauf auf den Mount Kinabalu, den er kriechend beendete. Eine tolle Inlinetour von Frankfurt in das 250 Kilometer entfernte Bamberg. 24 Stunden Läufe und ein Endlostag beim Ironman auf Hawaii. Zitat, „das Gedächtnis des Sportverrückten ist voll mit Situationen, die wiederholt werden wollen. Doch eine Wiederholung alleine tut es nicht. Es muss (…) mehr sein. Ein höherer Berg, eine weitere Strecke, eine härtere Trainingswoche, noch mehr Gewicht auf den Handeln.„.

Plädoyer für´s Gleichgewicht
Unzweifelhat begünstigt ein geringeres Gewicht Ausdauerleistungen. Der Körper verfügt sehr komfortabel bei Normalgewicht (selbst bei geringem Untergewicht) noch über kiloweise Fettreserven, die als Energielieferant vom trainierten Stoffwechsel herangezogen werden. Doch fehlt selbst Fett, ist Fettverbrennung und damit Leistung nicht mehr möglich – leistungsorientierte Athleten haben daher in der Regel Respekt vor körperlichen Grenzen, und bauen verbrauchte Energie wieder auf.

Mein persönlicher Körperfettanteil liegt bei rund 14 Prozent. In jedem Kilo stecken rund 10.000 kcal. Ein Marathon verlangt mir vielleicht 4.000 kcal ab, wovon ein Teil über Sauerstoff und Kohlenhydrate bereitgestellt wird. Die restliche Energie kommt aus dem Fett, allerdings benötigt der Körper schon etwas mehr Brennstoff als ein halbes Kilo, da der Großteil der Energie widerrum in Wärme gewandelt und verloren wird. Trotzdem rechne ich nicht mit mehr als 3 Kilo Gewichtsverlust selbst nach einem Marathon, der außerdem zum Teil durch den Wasserverlust induziert ist.

Überbelastung und -training rächt sich außerdem: Der Körper adaptiert nur während der Regeneration, in Ruhephasen. Das Training liefert den entsprechenden Reiz dazu. Ein ausgewogener Kreislauf aus An- und Entspannung muss hier so selbstverständlich sein wie Tag und Nacht, Yin und Yang, Proton und Neutron. Ansonsten kann man getrost auf den Spaß an der Freude und alle Wettkampfambitionen pfeifen.

Fazit
Das Krankheitsbild der Sportsucht ist noch nicht gefestigt, wird aber intensiv untersucht. Prozentual ist die geschätzte Krankheitsrate in der Bevölkerung marginal. Extreme Beispiele sind den Menschen vom Hörensagen vielfach bekannt, stehen aber sicher nicht auf einer Stufe mit ambitioniertem Hobby- und Ausgleichssport. Differenziert und graduiert werden muss bei Betroffenen zwischen Disposition, vereinzelten Auffälligkeiten, eventueller Behandlungsbedürftigkeit und unzweifelhafter Betroffenheit.

Weitere Informationen
Nach den Sommerferien planen wir gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Sportmedizin der Uni Wuppertal Vorträge zum Thema „Sport- und Bewegungssucht“. Mehr Informationen über Twitter und hier, sobald die Termine feststehen.

Informationen zu Esstörungen finden Jugendliche und Eltern auch unabhängig vom Sport auf der Website zur entsprechenden Initiative unter www.das-bergische-bauchgefühl.de.

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