Die 25 Kilometer von Kevelar

Der Niederrhein, horizontaler Läufertraum nahe der niederländischen Grenze. Warum in der Nähe bleiben, wenn das nur Gute rund 100 Kilometer entfernt liegt? Also auf zum Pilgerlauf nach Kevelar, Hinüberlauf nach Holland, Dauerlauf durch die Dünen. Dünen? Ja, de Maasduinen!

Der Trainingsplan diktiert in der intensiven Marathonvorbereitung wenige Wochen vor Berlin rund 3 Stunden Dauerlauf. Käse. Also schnell über die A57 nach Kevelar gebrettert, horizontaler Hauptgewinn in urtümlicher Augenlandschaft, bewachsen mit Eichen, Pappeln und Kopfweiden.

Nimwegen und Venlo sind nicht weit, irgendwo hab ich vorher auf der Karte auch einen Fluss gesehen. Das ist mein Ziel, wo ich nach einer Stunde Fahrt plötzlich am Scheidweg stehe: Wohin des Weges?

Der Läuferinstinkt weist mir zielsicher den rechten Weg: Drei Kurven und zwei Kilometer nur, dann folge ich dem Schild „Niederlande“. Grenze, Ausland, Passkontrolle, Geldwechsel: Alles passé. Der Übergang liegt irgendwo zwischen Maisfeld und Blumenzüchter, erst die nächste Kreuzung beweist meinen Aufenthalt in der Monarchie. Dank der Symbole finde ich zielsicher auf einen Radweg in den nächsten Wald.

Nicht weit, dann eröffnen sich mir der Nationalpark Maasdünen. Mein Herz hüpft, da Kommissar Zufall mal wieder ausgesprochen hilfreich beim Erlebnislauf ist. Normalerweise plane ich gerne voraus, doch das Laufen, genauer: das Draufloslaufen, beweist immer wieder, dass es oft gar nicht nötig ist. Wir sind umgeben von Schönheit – man muss nur losgehen, loslaufen.

Die Niederländer haben´s raus: Die Fiete-Infrastruktur bietet sicheres Geleit auch für Läufer. Trotzdem: Angesichts der vielen Radfahrer beschleichen mich Zweifel. Halten mich die Radfahrer für bescheuert, hier kilometerweit auf Fahrradwegen rumzulaufen, statt in die Pedale zu treten? Egal, das muss ich jetzt aushalten.

Auf den rund 25 Kilometern treffe ich auf zwei einsame Läufer. Der erste, nennen wir ihn mal Bram Som, war ein stilsicherer, sonnenbebrillter, sonnengegrillter Kilometerfresser, der meinen Gruß nicht direkt erwiderte. Eventuell läuft das im Ausland auch anders: Wir liefen nicht auf der großstädtischen Uferpromenade mit hunderten Läufern, sondern ziemlich einsam entlang der Maas im Naturschutzgebiet. Ehrfurchtsgebietende Schautafeln befahlen am Eingang einen Mindestabstand zu Pferden von 25 Metern, Hunden 5 Meter, zur Passage von Menschen stand nichts. Sicherheitshalber vertraue ich auch in der Fremde auf mir bekannte, zwischenmenschliche Abläufe. Der Gruß mit Nicken und erhobener Hand gehörte bei meinen beiden Spezis jedenfalls nicht dazu. Bram blickte cool geradeaus, Nummer 2 war irgendwie irritiert über mein Bemerken, bekam aber immerhin einen Augenkontakt hin, verbunden mit einem schmunzelnden Zucken des Schnäuzers. Bei Kilometer 20 freut man sich auch über sowas, wo man ansonsten nur lange Geraden, gelbe Nummernschilder und moppelige Holländer auf Fahrrädern gesehen hat.

Der Weg führte mich zum Fluss, entlang des Ufers, in bereits angesprochene Auenlandschaft. Hinein in ein Wäldchen, parallel zum Ufer. Unfassbar: Auf rund einem Kilometer wartete ein sandiges Auf und Ab im Pinienwald, wonach sich jeder Mountainfitjer die Finger lecken würde. Jedenfalls tote Hose wie nur was, ich mittendrin, das trailige Tuplenland zu Füßen. Vorteil des Fehlens von Vorausplanung: Der Überraschungsmoment. Mit sowas rechnet man nicht, schon gar nicht in den Niederlangen, direkt am Flussufer.

Als mir die kleine Fee rund 90 Minuten Weg ins Ohr flüsterte, war es Zeit für den Turn around. Mittlerweile war ich raus aus dem Wald, rein im süßen Städtchen Wellerlooi, und freute mich hinter jeder Ecke auf Maaskantje, verwiesen doch die touristischen Schilder auf jede Menge Maas und Kaas. Turbo!

Der grüne Grenzverkehr auf dem Rückweg blieb leider ebenfalls folgenlos: Problemlos hätte ich mit meinen Laufkumpels grüner Türke, roter Libanese und schwarzer Afghane ´rübermachen können, doch da ich alleine lief, versteckte sich der grüne Zoll offensichtlich weiter im Rindermaisfeld nebenan.

Spaß und Sprachspiele mal beiseite: Der Tag war warm und schwül. Mit nur einem Liter Wasser ist man da nicht ideal vorbereitet, doch Plan ist Plan. Wenn die körpereigenen Kohlenhydrate zu Neige gehen, und die Knie kribbeln, ist jeder weitere Kilometer eine Herausforderung. Besonders im Training, wo „Wettkampfatmosphäre“ fehlt. Endlose und einsame, gerade Abschnitte sind ebenfalls Hürden. Besonders, wenn die Strecke kein Rundkurs ist. Goch, Weeze: Ich nehm euch beim nächsten Mal mit! Am Auto war ich froh, dass es vorbei war. Und einen weiterer Liter Reservewasser vorfand. Und, natürlich, ein schöner Tag im Irrland mit viel Action wartete – der eigentliche Grund für die Destination Kevelar und das kleine Aufwärmtraining am Morgen.

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