Operation Phönix

Heute ging es auf Entdeckungstour, Route: Industriekultur. Drei windige XXL-Runden um den See, danach ab ins schnellste Stahlwerk Europas: Sprichwörtlich wie Phönix aus der Asche erhebt sich das gleichnamige, abwechslungsreiche Industrie- und Naturareal in Dortmund.

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Ein Tipp aus der Runners World…
Vergangenen Freitag blättere ich, heisse Schokolade schlürfend, gemütlich in der aktuellen Runners World. In der Rubrik „die schönsten Laufstrecken“ standen Stahlwerk und Trailroute in Dortmund im Focus – die 21 Kilometer lange Strecke gibt´s inklusive Höhenprofil hier zum Download: www.runnersworld.de/schoenestrecke6.

Der Artikel war großzügig 1/2seitig mit einer Läuferin bebildert, die anmutig mitten durchs Stahlwerk trabt. Sowas zieht natürlich magnetisch meine Aufmerksamkeit auf sich. Träume werden wahr! Statt dem trainingstäglichen Einerlei aus Schotterpisten, Bäumen und Kornfeldern endlich mal Kruppstahl, Hochöfen und Gleisanlagen! Das Interesse war geweckt. Kurz in den Text vertieft: Ja, der eindrucksvolle Hochofen könne sowohl durchlaufen als auch über viele Stahltreppen erklommen werden. Soso, liebe Runners World, schöne Sightseeing-Tipps habt ihr da ja auf Lager. Zugegeben, ein bisschen Mut gehört halt dazu, unten mehr…

Wanted: Navigation für Läufer
Vorab: Ich freue mich auf den Tag, an dem eine App rauskommt, die mich als Läufer nicht nur mit Daten wie Geschwindigkeit, Höhenprofil, Pace und Kalorienverbrauch versorgt, sondern mir auch freundlich den Weg ins Ohr flüstert. Eine Navigationssoftware für Läufer, die sich mit schönen Laufstrecken befüllen lässt. Auf Papier und Google Maps die Strecke zu verinnerlichen ist ja ganz nett, doch angesichts knappen Zeitbudgets würde ich mich über so ein Feature echt freuen.

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Der Phönix-See

Heute Mittag in Dortmund-Hörde angekommen, und die Dimensionen (Karte!) unterschätzt. Den Hochofen fand ich zunächst nicht, dafür den Phönix-See (aussagekräftiges Bildmaterial). Angesichts seiner Weitläufigkeit und divers herumidleten Baumaschinen wähnte ich das Industriedenkmal schon abgerissen, Wehmut machte sich breit. Geparkt, ausgestiegen, und eine Runde um den künstlichen See gedreht, an dessen Ufern eine weitläufiges Erholungs-Areal entsteht. Zahlreiche Stege und Plattformen sind bereits fertiggestelt, sehr viel Grün geplanzt, doch noch nicht alles ist begehbar. Das Ruhrgebiet macht in Unmfang und Wertigkeit mal wieder sicht- und fühlbar klar, dass es strukturell vor dem Bergischen Land klar die Nase vorn hat. Um so eine Perle beneide ich jedenfalls die Dortmunder sehr, als Laufstrecke eignet sich der See und seine Peripherie nämlich 1a. Schon was anders, als ´ne Runde um die marode Müngstener Brücke zu zirkeln oder mit dem MTB über halbfertige Trassen zu kacheln!

Nachdem ich pflichtschuldig und trainingsplankompatibel in 90 Minuten drei Mal  den See umrundet habe (gefühlte Strecke pro Runde: 4-5 Kilometer), ging es zurück zum Auto. Pause, umziehen, Hochofen suchen. Dank schlampiger Vorbereitung war ich nämlich nicht im Besitz seiner Adresse, dabei hätte mich „Konrad-Zuse-Strasse“ eigentlich ansprechen müssen. Nun, kein Schaden ohne Nutzen: Als Lohn winkt das Abenteuer, denn schon der Hinweg wurde kniffelig:


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Das Stahlwerk

Extrem explorativ ging es über eine alte, zugewucherte Bahnstrecke Richtung Stahlwerk (Fotos). Dortmund ist zwar flach, aber am hinteren Ende des Sees ragt eine renaturierte Abraumhalde auf, von der aus sich der Koloss gut sichtbar einige Kilometer weiter westlich in den Himmel streckt. So war die Richtung klar, nur die Route musste noch gefunden werden.

So, liebe Runners World, jezt nochmal kurz zu euch: Die Schilder „Betreten verboten“ und „Lebensgefahr“ hängen am Stahltor des Werkes ihrem Aussehen nach zu urteilen schon ein wenig länger. Gut, das Wetter war heute sehr kernig. Vielleicht war das Werk deshalb verwaist, weit und breit keine Läufer oder Ausflüger. Möglicherweise hänge ich das aber auch nur zu hoch auf. Ihr schriebt ja nichts zu den Rahmenbedingungen. Ihr habt völlig Recht, wenn ihr schreibt, dass man auf dem Gelände laufen und kraxeln kann. Wenn man sich Zutritt verschafft, und ein bisschen mutig ist, geht das schon. Seine Ruhe hat man auch, außerdem ist es in den Tiefen der Konstruktion trocken. Genug Gründe, um der alten Herrmanshütte mal einen Besuch abzustatten.

Mulmig. Das beschreibt das Gefühl ganz gut, wenn man Megatonnen aus dutzenden Metern Stahl über sich wähnt. Wenn der Wind den Regen durch die Fluchten aus Eisen peitscht, schwere Türen in den Scharnieren quietschen und die grobe Asche unter den Füßen knirscht, Ergebnis unbarmherziger heisser Glut, Reste verloschener Sterne. Wie passend, heute. Aufregend, sich durch das Labyrinth vorzutasten. Ob ich hier Laufen will? Nicht wirklich. Für 2, 3 kleine Runden reicht der Vorwitz, dann ist es mir heute zu nass und unwirklich. Meine Ohrstöpsel habe ich rausgenommen, so gut Industrial-Tribal-Trance von This Morn´ Ormina hierzu auch passt – ich möchte potentielle Gefahren kommen hören können. Und lieber die Kamera auspacken, Fotos machen. Jederzeit mit dem Gefühl, beobachtet zu werden – der Aufenthalt ist immerhin nicht erlaubt, das Gelände teilweise von aussen einsehbar. Alle Aufnahmen gemacht, 4 Stunden seit Ankunft (am See) vergangen, genug für heute.

Noch mal?
Ein schöner Ausflug, der sicher wiederholt wird. Was einerseits am See liegt, der eine schöne Rundlaufstrecke mit maritimem Flair bietet (alleine der tolle Wind heute, herrlich!). Denkt man sich den zukünftigen Ausbau mit Gastro-Angeboten dazu – und addiert schönes Wetter, dann avanciert der See sicher zu einem beliebten Freizeitziel. Was man vom ehemaligen Stahlwerk jetzt vielleicht nicht behaupten kann, aber mit besserem Wetter (und Nerven aus Stahl) werde ich der Sache mit den Stahltreppen doch nochmal auf den Grund gehen…

Fotos
Phönix See
Stahlwerk Hermannshütte
Panorama des Geländes (Phönix See, 37 MP)
Panorama der See-Seite (Phönix See, 16 MP)
Panorama der Piazza
(Phönix See, 34 MP)

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