Solingen: Adrenalin on demand

Strecke hui, Kette pfui: 40 Kilometer Downhill plus 12 Kilometer Laufen – fehlte eigentlich nur erfrischendes Bad im Irgendwo, dann wäre der Sonntagstriathlon perfekt. Doch da schon der Schweiss in Strömen floss, fehlte bei der Tour nicht viel zum sportlichen Elysium. Ohne Übertreibungen aus der griechischen Mythologie war diese kombinierte Tour der Hammer: Solingen → Wuppertal → Kohlfurth → Papiermühle → Müngstener Brücke → Schloss Burg → Wasserwerke Glüder → Wupperhof. Umstieg auf Laufschuhe. Dann Rüdenstein → Leichlingen. Und zurück. Eine schweisstreibende Tour de force über Stock und Stein. Vorgezogener, verzückender Vatertag via Velo. Adrenalin on demand.

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Tragedy in chains

Ich muss mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Fahrradhändler wechseln. Jüngst war das Fiete in vollumfänglicher Inspektion – inklusive Verweis auf springende Gänge und rasselnde Kette. Mindestens angesichts des Rechnungsbetrages hätte dieses Problem aus der Welt sein müssen. Aber Pustekuchen. Im kleinsten Gang springt die Kette reproduzierbar vom hinterletzten Kranz. So war schon nach 5 Kilometern mitten im Gelände Ende im Gelände. Zugegeben, ich bin kein Mechaniker vor dem Herrn. Inmitten grüner Wiesen ohne Werkzeug auf sich alleine gestellt zu sein, beschwört aber die Besinnung oder gar den Erwerb handwerklicher Fähigkeiten herauf. 30 Minuten und zwei verschmierte Hände später war die widerborstige Kette gelöst und neu eingespannt, das Hinterrad dafür mal eben aus- und wieder eingebaut. Diese Zeit sollte sich im Verlauf der Tour angesichts gewonnener Routine beim vierfachen Troubleshooting dramatisch reduzieren.

Adrenalin on demand
Schönheit und Herzklopfen gehen von Natur aus ja manchmal Hand in Hand. Kein Wunder, dass die Kombination aus Prachtwetter, Natur und Sport das Herz höher schlagen lässt. Auch auf die Gefahr hin, euch mit der Schmachterei zu langweilen, aber das Bergische Land ist einfach bezaubernd. Nur eine handvoll Kilometer von zu Hause weg warten saftige Wiesen, grandiose Aussichten und ein stahlblauer Himmel – inklusive Temperaturen, die definitiv mehr Sommer als Frühling sind. Voller Freude springe ich da gern ins Feld, um die Aussicht zu genießen und ein paar schöne Aufnahmen zu machen (per Smartphone, Kompromiss zwischen Mobilität und Qualität). Gleichsam ist Aufsitz und Abfahrt purer Adrenalingarant: Wenn es auf Feld- und Schotterwegen steil bergab geht, ist jeder Atemzug intensiver, alle Sinne blitzartig geschärft. Eine Intensität, die gleichmäßiges Laufen nicht erreicht!

Kleider machen Biker
Angesichts von Fun und Verletzungsrisiko wäre downhillbedingt mal die Anschaffung von Schutzkleidung zu überdenken. Daneben führte ich am Sonntag ein ASICS Kurzarmtrikot aus, mit biomorphem Schnitt („sitzt und arbeitet wie eine zweite Haut“) und schmucken Polokragen. Untenrum eine 3/4 Radhose von Jeantex, mittellang und aus mattem Dupont-Lycra, 6-Bahnen Schnitt und Antihochrutschgummi am Beinabschluss. Nicht billig – aber den Preis wert. Gutes Material ist nie teuer , wenn es nicht unbedingt das Allerneueste sein muss – beide Textilien sind Jahrgangskollektion 2008, tun aber fraglos ihren Dienst. Das Shirt schimmert schön schwarz, ist durch den Polohemdlook vielfältig tragbar. Die Hose ist ein bisschen gepolstert, und schont damit die Sitzknochen. Ausserdem macht sie schlanke Schenkel!

„Hat´s Dich geschmissen?“
Rund 8 Kilometer hielt die Erste-Hilfe an der Kette, bis ich steigungsbedingt reflexartig und daher ohne Bedenken zum kleinsten Gang griff. Boxenstopp: Rad rumdrehen, Kette reinfummeln. Das hinzugezogene Stöckchen brach und fraß sich prompt ins Ritzel. Dankenswerterweise befand ich mich auf einem befahrenen Wanderweg, und so dauerte es nicht lange, bis andere MTBler anrückten. Ein Glück, auf den hilfsbereiten Thorsten zu treffen, der sehr routiniert und mit einem zusätzlichen Paar Hände half, die Sache wieder ins Lot zu bringen. Und Thorsten hatte nicht nur Kenne, sondern auch noch Werkzeug dabei – Pflichtkauf und Gepäck! Ich prägte mir direkt einige seiner Handgriffe ein, die dazu führten, dass wir in nur 5 Minuten die Kette aufwandsarm einspannen konnten. Dank nochmal von hier aus, auch für die besorgte Rückversicherung von Thorsten und seiner Begleitung, dass es mich nicht „geschmissen hätt“? Nein, alles gut, das fehlte noch.

Malerische Wupper
Oben hatte ich schon ein wenig über die Landschaft geschwärmt, was sich Kilometer um Kilometer an den Hängen der Wupper fortsetzte. Die Schönheit dieser abwechslungsreichen (Auen)Landschaft ist atemberaubend, und stellt die Sinne vor lauter Überfluss auf gewisse Proben. Eins meiner Highlights waren die durch Niedrigwasser der Wupper gut erreichbaren Bänke im Fluss. Auch wenn man hier ein paar Meter über Steine balancieren musste oder gleich mit dem Rad querte, blieben die Füße trocken. Keine fünf Minuten später war´s mit der Abgeschiedenheit mittig der Wupper vorbei: Hunde und Halterin proklamierten ebenfalls Anspruch auf den Naturgenuss. „Sie haben doch keine Angst vor den Hunden“ immerhin als Begrüßung, worauf ich nur verneinen konnte und klarstellte, dass die Hunde höchstens Angst vor mir haben könnten. Wundervolle Minuten später, voller Stöckchen, Flugparabeln und Aportierungen, verließ ich die Insel der Glückseligkeit wieder, das Velo sportlich geschultert über glitschige Hungersteine.

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Wanderweg? Radweg?

Bemüht man ein Klischee, schreiben wir Deutschen den anderen ja gerne mal etwas vor. Der Weg, auf dem ich über Müngsten über Burg zum Wupperhof unterwegs war, ist nach der Karte und den Schildern ein Radweg. Quantitativ in der Überzahl waren Wanderer, nein, Sonntagsspaziergänger. In 5-er Ketten, alle nebeinenander, quatschend, nicht nach vorne schauend. Teilweise kein einzige der wandelnden Antagonisten. Dafür habe ich wenig Verständnis, gerade bei einem bidirektional von Radfahrern genutzten Weg. Sinnlich versinke ich auch gerne im Naturerlebnis, die Vorsicht bleibt aber nicht auf der Strecke. Und zugegeben, da lasse ich Spaziergänger mit gewisser Freude (meinerseits) auch mal zur Seite springen, und bremse sehr sparsam. Etwas ganz anderes ist es, sich von hinten anzuschleichen – hier wäre eine Klingel eine gute Idee (Einkaufsliste +1). Mit dem Elektroroller klappt das schliesslich auch hervorragend, Fussgänger und Nordic Walker und andere Leute sind auf das Geräusch der Läute hervorragend konditioniert!

Wechsel vom Rad zum Laufen
Am Wupperhof waren bereits einige Stunden der Tour vergangen, ebenfalls meine körpereigene Kohlenhydratreserve. Der Lauf über Rüdenstein Richtung Leichlingen war außerdem angesichts der aufgebrauchten 2 Liter Wasserproviant und Hitze um rund 15 Uhr eine anstrengende Sache. Hotspot für romantische Rentner und Freunde beschaulicherer Gangart ist regelmäßig dieses Ausflugslokal, dessen Einzugsgebiet sogar über das Bergische Land hinausgeht, ja sogar das Ausland einfasst – angesichts der Kennzeichen schattenparkender PKW. Lässt man die Achse des Bienenstichs hinter sich, erfreut jene paradisische Strecke, die physisch und psychisch diesmal alles abverlangte. Der Rückweg war keine nennenswerte sportliche Leistung mehr, der Nullpunkt aber noch lange nicht erreicht – Tyler Durden lässt grüßen.

Dehydratation: Biergarten vs. JET
Ich weiss nicht, weshalb etwas so Simples wie Wasser regelmäßig bei sehr langen Exkursionen fehlt. Der Trinkrucksack, vulgo Trinkblister, ist mit auf dem Rücken wiederkehrend suspekt. Erstens weil ich meistens eh einen richtigen Rucksack trage, zweitens weil ich darin dann Literflaschen Wasser parken kann. Das Volumen sollte ausreichen, mich nicht dauernd durstig werden zu lassen – doch auch die doppelte Dosis von nunmehr 2 Litern reicht bei mehreren Stunden Sonne und Sport nicht aus. Wenn am Ende die Hände schmerzen und prall aufgebläht sind, weiß und fühlt man, dass das Blut eindickt und die Zirkulation in den Kapillargefäßen eingeschränkt ist. „Durst“ ist nicht mehr das richtige Wort – durstig ist man bei einem Wasserverlust von einem halben bis zu drei Prozent Flüssigkeit des Körpers. Ab 10 Prozent reichen bereits für Eintrübung, unsicheren Gang und Sprachstörungen. Die Tour dürfte am Ende irgendwo dazwischen gewesen sein.

Der Biergarten des Wupperhofs versprach Linderung – angesichts des Bombenwetters war es voll, aber nicht brechend voll. Platz war kein Problem, Bestellung schon eher: Nach über 20 Minuten ergebnislosen Wartens brach ich wieder auf. Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist es schlechter Service in Standardsituationen: Bereits ein schöner Sommertag und entsprechender Zulauf der Gäste stellt Gastronomen vor das Hindernis, Umsatz einzufahren. Statt am Holztisch kann ich den Durst auch auf dem Fahrrad haben – die nächste Tankstelle nimmt mein Geld ganze ohne großes Gewarte gerne. Außerdem gibt´s da die dreifache Menge kühles Nass fürs gleiche Geld. Auch wenn mich mit der Entscheidung noch rund 45 mühevolle Minuten vom liquiden Labsaal trennen, war es mir die Durststrecke wert. Die Herausforderung meistern. Sehen, wie der Körper reagiert. Nämlich mit enormen Leistungseinbruch und um so größerer Dankbarkeit, wenn der Durst gestillt wird. Postwendend werden nochmal Leistungsreserven frei, die für einen flotten Abschluss der Fahrt sorgen.

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