Filmkritik: TRON Legacy

Dunkle Stimme aus dem Off: „The grid, a digital frontier“. Streicher schwellen an. „I tried to picture clusters of information as they moved through the computer. What did they look like? Ships, motorcycles, even with circuits like freeways“. Kurze Pause. „I kept dreaming of a world I thought I´d never see. And then…“ Längere Pause. „One day…“ Dramatisch lange Pause. „I got in.“ Und los geht der Film, das Disneylogo wird dem Kinogänger dreidimensional entgegengelasert.

Samstag war ich im Kino, und seitdem spukt mir ein kleiner Beitrag hier durch den Kopf. Eigentlich wollte ich den Blog zunehmend monothematisch, rein aufs Laufen ausgerichtet halten. Doch die Musik der Filme begleitet mich so oft beim Laufen, und eine Perle wie TRON Legacy darf dann auch ruhig mal kurz vorgestellt und beleuchtet werden. Es gibt außerdem so viele Kritiken, die doch nicht das ausdrücken, was ich gern kurz über den Film sagen wollte, also:

28 Jahre sind seit der Premiere von TRON vergangen. 1982 steckten Spezialeffektspektakel im Kino noch ebenso in den Kinderschuhen wie Computer im Alltag. Beides ist heute anders, das Regiedebüt von Joe Kosinski meistert die daraus resultierenden Herausforderungen aber mit Bravour: Die Produktion ist überwältigend, die Bilder transparent, klar, dicht, texturiert, weiterhin hypermodern und unverkitscht. Es ist eine satte Freude, zuzusehen. Wirklich jeder Freund guten (und besonders minimalen) Designs kommt hier auf seine Kosten, Stil bis zum absoluten Gehtnichtmehr, durchdesignter Schick zweieinhalb Stunden lang. Symbiotisch das 3D, was wie gemacht für TRON Legacy erscheint.

Toppen kann das fast schon greifbar real irreale Computersetting nur noch der Soundtrack von Daft Punk. Seit Inception, The Dark Knight und The Social Network habe ich noch nie etwas so nachhaltig Beeindruckendes gehört. Als Inspiration nennt Daft Punk Filmkompositionen von Wendy Carlos und Bernard Hermann, aber auch von Max Steiner, Vangelis und Maurice (!) Jarre. Weiß man es, hört man es – gleichsam bleiben sie sich in Teilen treu, und erscheinen wie gemacht für diese Science-Fiction-Score, ja regelrecht herbeiprogrammierd, engineered, genetisch designed. Zwei Jahre ausschliessliche Kreativ- und Entwicklungsarbeit in Los Angeles; das Ergebnis hörbar episch, epic, dunkel, glattpoliert.

Aller Düsternis und Glattheit zum Trotze, bleibt der Film ein Disney-Werk. Garred Hedlund als Held, der in Ordnung geht. Besonders gefällig, auch unter product placement Aspekten: Die wilde Ducati. Seinen Vater gibt Jeff Bridges, Oskarpreisträger und Big Lebowski. Da Videospiele böse sind, und sich Bridges als Spieleguru Flynn überhaupt zu viel damit beschäftigt hat, landet er entsprechend in der digitalen Vorhölle, geschluckt und wegdigitalisiert von seiner eigenen Schöpfung. Seitdem lebt er in diesem digitalen Nirvana in einer Felshöhle und guru-meditiert pazifistisch auf seinem weißen Eames Chair, gewaltlosen Widerstand bis hin zur Stasis predigend. Seine Gemeinde besteht dabei nur aus der sehr hübsch anzusehenden Olivia Wilde (Quorra (Quota wäre noch besser gewesen, aber nun)). Dem Anthropologen Carlos Castaneda hätte der Dude so definitiv gefallen, in einer Hollywoodproduktion ist das jedoch zu kontemplativ. Sein Vorankommen im Kampf gegen sein junges Ich (digital zum ersten Mal in der Filmgeschichte atemberaubend glaubwürdig dargestellt) nimmt erst Fahrt ab der Ankunft seines verlorengeglaubten Sohnes auf. Spätestens ab hier konvertiert Flynn senior vom Yoga-Yoda zum Jedi-Ritter, was der Action doch wieder sehr zupass kommt.

Besonders positiv erwähnenswert noch: Michael Sheen als „Castor“, exaltiert und mit deutlicher Anlehnung an David Bowies Ziggy Stardust. Er ist´s, der die boys and girls in dieser special presentation bei 01:31 bitteschön gern electrifyen lassen möchte. Über die deutsche Synchro hüllen wir jetzt mal lieber den Mantel des Schweigens, auch wenn sie tapfer versucht, es wörtlich zu übersetzen. Halt die Elektrisierung der Jungs und Mädchen. Andere optische und akustische Leckerchen wie liebevolle Details (besondere Bilder auf Überwachungsmonitoren oder pixelige Eiswürfel in Drinks an der Bar) und Anspielungen, die Nerds und Noobs im Kinosaal teilen (heute keine Spoiler) runden die Präsentation zunächst einmal ab.

TRON Legacy ist Design und Musik, moderne Oper statt Film. Eine recht simple Story, cineastische Zitate (von Star Wars über Matrix, von 2001 bis Clockwerk Orange, von Aladdin Sane bis Blade Runner), religiöse Anleihen und eine blutleere Vater-Sohn Geschichte in Abwesenheit jeglicher Mutter beleidigen den Storylover im Zuschauer, aber egal – über metacritic war das schon nach dem US-Start schnell absehbar, und noch mehr Klasse in diesem herausragenden Seh- und Hörerlebnis wäre sowieso nicht mehr zu ertragen. Schon so ist der Impuls, das gleich nochmal erleben zu wollen, sehr groß. In Abhängigkeit der Einspielergebnisse sind die Hauptprotagonisten ja bereits für einen dritten und abschliessenden Teil vorverpflichtet.

Ihr lest: Der Kinobesuch hat mir großen Spaß gemacht. Wem die Trailer und Vorschauen nur ein kleines bisschen gefallen, sollte im Zweifelsfall einen Besuch wagen. Wer ein Faible für elektronische Musik hat, dem ist Gefallen schon zur Hälfte sicher. Und dankbarerweise ist die Musik auch etwas lauter abgemischt, so dass sie nicht zu sehr in den Hintergrund tritt, sondern gleichberechtigt neben den Bildern hörbar bleiben darf. Und dann dieses Design, ich könnte schon wieder losschwärmen, aber freue mich einfach still an den Entsprechungen im echten Leben.

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