Laufen trotz Herpes?

Infekte und Ausdauersport sind ein schlechtes Team. Doch was, wenn einfach nur die Lippe pocht, und das Herpes kurz auf einen Besuch vorbeischaut? Lachend Laufen oder lädiert Leiden?

Rund 90 Prozent der Bevölkerung tragen Herpes-Viren in sich, aber nur bei rund einem Drittel brechen sie im Laufe des Lebens auch aus. Anfang der Woche war es bei mir mal wieder soweit: Starker Stress, enervierender Ekel, leicht lädiertes Immunsystem und satter Sonnenschein (UV!) zauberten das charakteristische Pochen in die Unterlippe linksaußen. Wer beim Auftragen vom Aciclovir zögert, verliert: In der Nacht verzauberte die Natur meine Lippe, ganz ohne Botox. Herpes ist keine Lepra, trotzdem fühlt man sich damit wie ein Aussätziger.

Über optische Schönheitsfehler lässt sich hinwegsehen, das gesundheitliche Risiko bei Ausdauerbelastungen sollte allerdings geklärt sein: Wie unbedenklich oder gefährlich ist ein Lauf mit Herpes? Schließlich gehts hierbei um eine virale Infektion in Verbindung mit einem geschwächten Immunsystem. Stichwort Herzmuskelentzündigung, Risiko Myokarditis, deren häufigste Ursache jedoch das Coxsackievirus ist – und nicht Herpes simplex.

Der Tod von Leichtathlet Rene Herms Anfang 2009 brachte jedoch das Risiko von Herpes ins öffentliche Bewusstsein. Allerdings war in diesem Fall auch ein anderes Herpes ausschlaggebend, namentlich Varizella-Zoster , nicht der Simplexvirus. Die Familie der Herpesviridae hat dabei insgesamt 170 Mitglieder, und gehört zu den größten und komplexesten Viren. Varizellen etwa sind Auslöser von Windpocken, Zoster der Gürtelrose. Detailierte und fundierte Infos auch hier beim RKI bzw. in diesem epidemoiologischen Bulletin (ab Seite 2).

Nach so viel nosologischer Genealogie zurück zur sportlichen Praxis: Die meisten Läufer laufen trotz Lippenherpes. Wenn das Körpergefühl eigentlich gut ist, und die Sonne lacht, fällt der Verzicht auch sehr schwer.

Trotzdem ist das Risiko nicht unerheblich, gerade bei starken oder extremen Belastungen. Denn wenn der Stoffwechsel durch die Anstrengung Tempo gewinnt, wächst die Gefahr, dass das Virus in andere Organe ausstrahlt („Dissemination“). Herpesviren breiten sich überwiegend neuronal aus, nutzen also die Nervenbahnen. Möglich ist aber auch die Blutbahn, was eine temporäre oder dauerhafte Virämie begünstigt, Fieber und Schüttelfrost inklusive. Und das ist erst der Anfang des möglichen medizinischen Unbills – Tochterinfektionen in Leber, Lunge, Herz oder Hirn das Ende.

Fazit: Auch ein Lippenherpes sollte man ernst nehmen. Die Frage ist eigentlich nicht, ob man während der Infektion auf Ausdauertraining verzichtet, sondern wie. Vernünftig bleiben maximal lockere, wenig fordernde Einheiten. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, verzichtet auf das Training. Das gesundheitliche Risiko mag sich selbst bei harten Belastungen im Promillebereich bewegen, doch das Entscheidende ist nicht die (niedrige) statistische Wahrscheinlichkeit, sondern die Tatsache, dass das tatsächlich eben nur eine statistische Wahrscheinlichkeit ist. Das individuelle Risiko kann viel größer sein, und ist meistens eine ziemliche Unbekannte. Oder, um es mit einem Slogan von EdS Lips zu sagen: Lippenherpes glattpflegen!

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