Augmented Audio

Wenn durch Blitzeis selbst beim Lightcycle die Winterreifen versagen, hilft alles nichts: Selber raus, TRON-Soundtrack von Daft Punk rein. Beim 9-Kilometer Dauerlauf heute Abend ging es athletisch, akustisch und augmented ganz schön App!

Endlich schmelzen die Schneemassen, und der Weg ist sprichwörtlich frei für weiteres Wintertraining. Die kommenden Tage versprechen erneut knackige Minusgrade, so dass die Vorfreude auf lange Läufe samt Sauna wächst. Eben noch 9 Kilometer fahrtspielend bei aufziehendem Glatteis und harnischen Schnee gelaufen. Thrill ist garantiert, wenn es auf dubiosem Untergrund bei Dunkelheit flott bergab geht. Mit fortgeschrittener Expertise im Laufen bleibt das aber beherrschbar, und bietet ein ganz neues Erlebnis von Lebendigkeit. Zumindest solange alles gutgeht!

Zum Anlass des heutigen Beitrags: Akustisch angereichert hat die heutige Experience der TRON Soundtrack. Er hat es verdient, mit ein paar Zeilen vorgestellt zu werden. In den letzten beiden Jahren sind mir nur 2 Alben unter die Ohren gekommen, die dermaßen episch waren – beides Soundtracks, beide von Hans Zimmer, zuletzt im Duett mit James Horner. Und zwar die Scores von Inception und The Dark Knight (für den ein dritter Teil in Arbeit ist).

TRON, für Kinder der 80er kein unbekannter Titel, kommt bald fantastisch durchgestylt neu in die Kinos. Disney hat dafür das nicht ganz unbekannte, französische Elektro-Duo Daft Punkt, akustisch engagiert. Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter sind genau die richtigen, wenn es gilt, die digitale Bilderflut von Science und Fiction musikalisch in Szene zu setzen. Genaugenommen wirken sie wie genetisch engineered, quasi eigens dafür programmiert.

Die Franzosen verschmelzen über die 22 Titel klassische Tracks mit schauerlich schönen Electrosounds. Die Klangfusion funktioniert extrem gut, die Dramatik und Weite der Streicher und Trommler erfährt eine zusätzliche Härte und Kraft durch die analog blubbernde Elektronik mit jeder Menge Distorsion und Verzerrfilter teils bis zum Exzess. Im Sound eine Flächigkeit, wie sie scheinbar nur die Franzosen hinkriegen. Ein akustischer Orkan für die Ohren, der Schauer über Arme und Rücken jagt. Die Ausgestaltung der Arrangements des Orchesters lag bei Joseph Trapanese, der dafür zwei Jahre Lang mit Daft Punk Hand in Hand arbeitete. Seine Arbeiten beschreibt die Fachpresse mit „resolutely grand“ oder „stirring… ominous… hypnotic“. Genau das.

Ein Soundtrack, der sich richtig schön durchhören lässt, Tempo und Ruhe in der richtigen Menge und ordentlich verteilt bietet. Und das ist ja schonmal was – wenn man wieder ganz besondere Musik entdeckt hat, die antreibt, beflügelt, inspiriert, und teilweise doch gnadenlos traurig scheint. Akustische Antizipation, insgeheim mehr Tanz als Lauf. An instant score classic!

Konkret „augmented“ – sprich erweitert/vergrößert/vermehrt – ist darüber nur noch die heuer getestete Inception App für das iPhone. Genauso unkonventionell, überraschend und mind-melting wie Chris Nolans großartiger Film, sticht auch dieses extrem erstaunliche Progrämmchen aus der Masse heraus. Es bietet bisher Ungekanntes. Und wirft die Frage auf, warum das so lange gedauert hat. Next big thing?

Die App liefert den Soundtrack zu Inception, angereichert mit neuen Stücken. Und verwebt die Umgebung interaktiv in das Hörerlebnis mit ein. Umgebung = Umgebungsgeräusche, eigene Sprache, Lichtstärke, Position und Geschwindigkeit (via GPS), Bewegung des iPhone (über gyroskopische und accelerative Sensorik), Tageszeit etc. Das funktioniert so intuitiv, einfach und selbstverständlich, dass man gar nicht bemerkt, es hier mit einem konzeptionellen, künstlerischen und ergonomischen Pionier zutun zu haben. Schlichte Einfachheit ist Großem ja schonmal eigen. Ein Geschenk ist auch der Preis: Die App ist kostenlos.

In Teilen hat die (automatisch ablaufende) Interaktion Einfluss auf die Tracks selbst, anderseits werden die Umgebungsgeräusche partiell und nachhaltig eingebunden, werden Teil der Musik. Das funktioniert verblüffend unaufdringlich, wenig repetitiv, dafür dynamisch und überraschend effektvoll. Wenn die eigenen Trittgeräusche im Schnee plötzlich ihre akustische Entsprechung im Takt der Musik wiederfinden, verbindet sich das „virtuelle“ Hörerlebnis mit dem „realen“ Laufen. Akustik nicht als monolitischer Block, nicht als Fremdkörper, sondern in Teilen Kreation des Umfelds. Auch wenn Zack Hemseys „Mind Heist“ auch standalone der Oberhammer des Jahres bleibt.

Eine Symbiose, die erstaunlich traum-haft ist. Und wer den Film geschaut hat, weiß, dass genau das beabsichtigt ist. Nicht umsonst fährt die App aktuell Höchstbewertungen im Store ein. Wer Inception noch nicht gesehen hat, sollte das definitiv nachholen – ein Meisterwerk, bei dem sich auch die Kritiker einig sind. Von der Filmmusik mal nicht zu reden, oder eben so neuartigen Technikschnickschnack, der gute Chancen hat, in seinem Mechanismus innerhalb eines Jahrzehnt im Massenmarkt angekommen zu sein. Augmented Reality nicht nur bei Information und Optik – den Trend gibt es ja schon eine Weile, altes Beispiel Navi, neues Beispiel hier – sondern auch akustisch. Differenzierte Interaktion mit der Umgebung – was für Menschen Recht ist, darf für Technik billig werden.

Ihr seht, Laufen ist auch abseits des rein sportlichen Weges gut für zusätzliche Freuden. Und wenn ihr dabei auf einem weissen Feld steht, am Horizont Kilometer entfernt euer Heim neben der Kirchturmspitze leuchtet, der Mond prangt, am Himmel hell und klar – dann wollt ihr das gegen Nichts auf der Welt eintauschen.

[Nachtrag: Dienstag und Mittwoch Seminar – und unsere Seminarleiterin fragt freundlich, ob ich nicht zwei, drei CDs mit ruhiger Musik mitbringen könne. Überlege kurz, ob Daft Punk was für die Kollegen wäre – aber dann passe ich. Und zwar komplett. Kein Mainstream, keine CDs.

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