8. Mülheimer Crosslauf

Laufbericht unten, vorweg mal zur Begrifflichkeit: „Trail“ ist quasi die Oberkategorie, und meint sämtliche läuferischen Aktivitäten abseits von Straßen. Trailrunning beginnt also bereits beim einfachen Waldlauf und endet bei Ultraläufen quer über die Alpen (Lesetipp hier). „Cross“ ist eine Untergruppe, die eine eigene Wettkampfform betitelt: Der Crosslauf ist maßgeblich durch profiliertes , begrastes Gelände gekennzeichnet, inklusive natürlicher Hindernisse. Körper-koordinativ anspruchsvoll und abwechslungsreich. Wird gern als Vorbereitung für die Sommersaison genommen. So viel zu „Trail“ und „Cross“, jetzt der Bericht:

Das Davor
Am vergangenen Sonntag zog es mich auf die Rennbahn. Kollege Mark berichtete die Tage vom Crosslauf auf der Galopprennbahn – und er hatte dabei wieder dieses Funkeln in den Augen. Vielleicht auch, weil Mark (sportlich) auf und (räumlich) nahe der Rennbahn zu Hause ist. Läuferisch ein Tier. Typ Rennpferd.

Also spontan online angemeldet, 7 Euro, das ist ja wirklich nix. Durch meinen Gastlauf im Team „Galoppers“ bin ich mit den Gäulen schliesslich schon vertraut! Bei intimen 120 Startern blieben sogar noch einige Restplätze in der Ergebnisliste hinter mir, phropezeite Mark. „Nee, Letzter wirst Du nicht„, das waren seine Worte. Ich stellte mich innerlich auf einen fröhlichen Volkslauf der anderen Art ein, geflissentlich ignorierend, dass das jetzt schon die 8. Auflage war, und alleine schon die Menzsche Moderation als Zeichen läuferischer Exzellenz hätte gedeutet werden müssen. Andreas ist in der Sport-Szene wirklich nicht irgendwer, moderiert den RWE-Marathon genau wie den Bergischen Firmenlauf. Also.

Die Temperaturen fordern ihren Tribut, zumindest wenn man so herum-idlet: Über dem Laufdress will eine wärmende Zusatzschicht getragen werden. Sie hält das Gröbste ab, ist aber nicht unbedingt kleidsam. Wobei dieser Trainingsanzugslook sonntagsvormittags furchtbar sportlich rüberkommt. Die verrenteten Nachbarn pilgern zur feierlichen Ordination – meine Kirche ist heute nur Kondition und Körper. Los, nur los – Freude an der Freiheit.

Strahlender Sonnenschein ist schöner Ausgleich für die Kälte: Das Gelände der Trabrennbahn in Mülheim ist schnell gefunden, kurz sammeln, und warmlaufen. Damit bin ich nicht alleine, auf dem parkähnlichen Gelände traben viele Läufer. Direkt Gelegenheit, das eigene Outfit einem Style-Check zu unterziehen. Schliesslich ist der Crosslauf eine Premiere, ohne besondere Vorbereitungen. Mütze, Schal, Windbreaker und Überhose sind modisch definitiv down under, aber ziemlich zweckmäßig. Für den eigentlichen Lauf gab´s schließlich nur T-Shirt und Tights.

Mark war schnell aufgestöbert, zusammen trabten wir uns im Park warm. Er gab letzte Tipps – etwa den Evergreen, es nicht zu schnell anzugehen. „Die erste Runde so langsam laufen, dass Du denkst, Du liefest zu langsam„. Klingt total logisch und einfach. 4 Runden auf der Galopprennbahn (je 2 Kilometer) plus Ausflug pro Runde durch den Matsch. Der Zieleinlauf dann ohne Umweg, dafür durch Sand, 200 Meter. Ganz am Ende ein paar Strohballen. Das war der Plan.

Die letzten Minuten vor dem Start sammeln auf der Bahn. Was aus der Entfernung aussieht wie eine lauschige Wiese, entpuppt sich unter den Füssen als tückische Stolperfalle. Für Paarhufer mag das Schlachtfeld am Boden gut Grip bieten, für Zweibeiner ist es eine kinetische Herausforderung. Warmlaufen bringt dann aber doch ein gewisses Grundmaß an Verständigung mit diesem atlethischen Verdun. Trailrunning-Schuhe, das wär´s jetzt. Der Gedanke kommt übrigens erst viel später, zu sehr liegt der Focus kurz vor dem Start auf dem Erlebnis, so mitten auf der Bahn. Die Sonne lacht, das Areal wirkt riesig, die Luft ist klar und kalt. Das sind die Momente, für die man läuft. Unvergessliche Augenblicke.

Der Lauf
Sympathischer Start vom Acker, ohne viel Brimbamborium. 140 Läufern stehen vielleicht 50 Zuschauer gegenüber – man ist unter sich. Runterzählen von 10 auf Start und los geht´s. Die Meute sucht sich zielstrebig den Platz auf der Innenbahn. Das bietet zwei Vorteile. Der Radius pro Runde ist etwas kleiner, außerdem gibt´s innen einen kleinen Streif planen Laufgrundes, den die Pferde noch nicht unter ihre Hufe bekommen haben. Nachteil: Matsch. Da ich weder Masochist bin, noch über besagte Trailschuhe verfüge, lief ich dann doch relativ schnell lieber etwas neben dieser furchtbaren Furche, während die Mitläufer offensichtlich die Schlammschlacht bevorzugten. Glatter Matsch ist kräftezehrend, der gute Grip passender Schuhe mag das ausgleichen.

Ehrlich gesagt habe ich nicht mit dieser Größe und Monotonie auf der Bahn gerechnet. Trainiert man jahrein jahraus auf 400 Metern Sportplatz, sind 2 Kilometer auf der Galopprennbahn ein ehrfurchtsgebietender Schock. Vergleichbar höchstens mit einer Landebahn am Flughafen. Erfreuen konnten sich Auge und Geist an dem mittig gelegenen, bespielten Golfplatz. Bei aller Wonne am atlethischen Anspruch des Langstreckenlaufs, war doch die Aussicht auf geruhsames, vergnügliches Putten trotzdem eher demoralisierend. Ansonsten bot die Bahn wenig Ansehnliches – Grasnarbe soweit der Schuh trägt, flankiert durch massives, pferdekompatibles Geländer.

Schon in der ersten Runde zog sich das Läuferfeld schnell auseinander. Noch verdrängt man den Gedanken an das Ergebnis der sportlichen Standortbestimmung – was Wettbewerbe zumeist sind. Schliesslich geht man die ersten Kilometer geruhsam an, nicht wahr? Nicht wirklich. Der Herdentrieb ist zu groß, um kalkuliert den Anschluss zu verlieren. Die Spitzenläufer im Feld haben keine Sekunden zu verschenken, und so folgt das ganze Rudel. Das geht natürlich nicht lange gut, und die Abstände werden größer.

Wie schon häufig erlebt, waren die ersten 10, 15 Minuten im Wettkampf die unangenehmsten. These: Der Körper ist noch nicht optimal eingestellt, ihm wird aber schon ein Maximum abverlangt. Ergo rebelliert er – via Einschreiben mit Rückschein gibt´s verräterisches Gedankengut frei Haus. Langsamer? Gehpause? Abbruch? Nein, denn routinierter Laufjockeys wissen: Laufen ist maßgeblich auch die Probe von Wille und Vertrauen. Wille zur Überwindung, Vertrauen auf Können, Glaube ans Schaffen.

Der Lauf: Halbzeitpause
Soviel Tapferkeit wird widerum erfahrungsgemäß belohnt: Ab der Hälfte der Distanz lief´s relativ routiniert: Die Strecke war jetzt bekannt, mit dem Untergrund hat man sich abgefunden. Und realisiert, dass es sich zwar so anfühlt, als müsste man jeden Moment kollabierend am Bahnrand zusammenbrechen, es aber nicht passiert (spätestens bei solchen Gedanken ist natürlich der Moment gekommen, ein wenig Tempo rauszunehmen). Zu allem Überfluss wurde mir RICHTIG warm. Mark bemerkte im Ziel bei mir regelrechte Hitzeflecke – genau so fühlte es sich auch ab Runde 3 an. Überhitzung!

Die Spitzenläufer kamen mittlerweile ins Ziel, während das Gros noch 1 bis 1,5 Runden vor sich hatte. Die letzte Runde zeichnete sich durch die Mobilisierung der letzten Reserven aus, jetzt ging es um konkrete Plätze.

Im Abstand von 10, 20 Metern lief vor mir eine kleine Gruppe, deren Tempo ich gut mithalten konnte. Rund 2 Kilometer Distanz und marathongestählte Ausdauer sollten eine Überrundung möglich machen. Sollten. Taten es aber nicht – und bereits 500 Meter vor dem Ziel war mir klar, dass es auch zu keinem Zielsprint mehr kommen wird, denn:

Der Abstand zur Vorgruppe vergrößerte sich am Ende zusehends, „gefühlt“ war das eigene Tempo konstant bis ansteigend, das des vorauslaufenden Trupps aber in noch größerem Maße. Der Grund im Zielkanal, gefühlte 200 Meter, bestand aus Sand. Ein von Natur aus sprintfreindliches Material! Extrem kräftezehrend. Es galt nur noch, weiterzupowern – auf dass man hoffentlich nicht auch noch selbst überholt wird (übrigens schaue ich NIE nach hinten bei einem Rennen – kostet nur Zeit und schlechtenfalls auch Nerven).

Alles ging gut, auch die „Strohballen-Barrikaden“ auf den letzten Metern waren eher Show und Deko als echte Hindernisse, die mit ein paar Hüpfern überwunden waren (trotzdem für einige Läufer zur echten Hürde gerieten).

Das Danach
Im Ziel überglücklich, es geschafft zu haben. Fix und fertig – ein erster Wettkampf, bei dem ich mich im Ziel spontan zu Boden schmiss (das Gras hatte hieran seinen Anteil). Man könnte mit Fug und Recht sagen, dass meine Lage dem eines nassen Sacks in der Kurve entsprach. Von freundlichen Mitläufern allerdings schnell wieder aufgerichtet, und mit dem (guten) Ratschlag bedacht, lieber etwas zu Gehen oder zu Traben. Umgehend erledigt – und wie erwartet ging´s nach zwei Minuten auch wieder. Jacke und Hose an, Mütze auf, noch etwas Zieleinlauf gucken, heissen Tee schlürfen – fertig.

Ein wunderbarer, kleiner und feiner Lauf. Völlig unprätentiös, reduce to the max, obgleich man wissen sollte, worauf man sich einlässt. Der Volksläufer, der einfach mal etwas Abwechslung „auf der Wiese“ sucht, wird nicht enttäuscht. Doch er findet auch einungewohntes Maß an Anstrengung und läuferischen Widrigkeiten. Theoretisch ist das nur schlecht erfassbar, und auch diese paar Zeilen hier sind ein inadequater Ersatz. Muss man erlebt haben! Ich denke, den nächsten Lauf auf Asphalt oder weich federnden Waldwegen werde ich um so mehr schätzen ;-).

Ach so, Ergebnis: Mit 43,55 Minuten für die 8,3 Kilometer bin ich zufrieden. Konditionell kommt diese „krumme Distanz“ etwa einem 10-Kilometer-Lauf gleich. Die Besten sind in knapp unter 30 Minuten durch´s Ziel. Trotzdem reichte es nur für einen Platz irgendwo zwischen 90 und 100 (von 139 Teilnehmern). Allerdings habe ich diesen Crosslauf auch im Verdacht, dass sich da eher Könner versammeln. Die Teilnehmer sahen mir jedenfalls schwer danach aus. Großes Dankeschön und Glückwunsch an den Veranstalter, den Marathon Mülheim an der Ruhr e. V., für so eine schöne Veranstaltung und Location.

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Bericht von DerWesten

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